Er hatte gewußt, daß er noch viel Zeit braucht. Wann immer der 64jährige Erbprinz Johannes von Thurn und Taxis in diesem Jahr gefragt wurde, wie er sich die Führung seines großen Wirtschaftsimperiums nach seinem Tode vorstelle, berief er sich einfach auf die Erfahrung der Statistiker: „Meine Lebenserwartung liegt versicherungsmathematisch bei weiteren dreizehn Jahren.“ Es war dem Regensburger Fürsten aber nicht vergönnt, 77 Jahre alt zu werden. Zwei neue Herzen ließ sich Johannes im Kampf gegen den Tod einpflanzen, den er vergangene Woche dann doch verlor.

Nun fehlt für die Verwaltung eines der größten deutschen Vermögen, das bisweilen auf fünf Milliarden Mark geschätzt wurde, der Kopf. Denn der Sohn und alleinige Erbe von Johannes ist gerade sieben Jahre alt. Er wird jeden Morgen im Rolls-Royce in die Volksschule chauffiert. Seiner dreißigjährigen Frau Gloria hat Seine Durchlaucht diese Anforderung aber nie recht zugetraut: „Es ist für meine Frau sehr schwer, Entscheidungen wirtschaftlicher Art zu treffen, weil sie das nie gelernt hat.“

Nach dem Tod ihres Mannes wird Gloria nun doch in die Pflicht genommen. Den von Thurn und Taxis gehören im In- und Ausland allein Ländereien und Wälder, die sechsmal größer sind als das Fürstentum Liechtenstein: Es sind rund 90 000 Hektar. Zum Taxis-Besitz zählen Immobilien rund um den Erdball, die Thurnund-Taxis-Bank gehört genauso dazu wie die gleichnamige Brauerei und eine Reihe mittelständischer Unternehmen wie die Pforzheimer Doduco-Gruppe, die mit 3000 Beschäftigten als Autozulieferer 600 Millionen Mark Umsatz macht. Selbstverständlich umfaßt das fürstliche Vermögen etliche Schlösser, vor allem den Regensburger Stammsitz St. Emeram, der mit 500 Räumen größer ist als der Buckingham-Palast. Zudem besitzt die Familie mit 225 000 Bänden die größte Privatbibliothek in Deutschland und die umfassendste Porzellansammlung.

Entstanden ist all dieses, weil es unter den Ahnen der Regensburger Fürstenfamilie einen Mann gab, der heute als genialer Unternehmer gefeiert würde. Zwei Jahre bevor Kolumbus Amerika entdeckte, erfand der alte Janetto de Tassis aus Bergamo 1490 den regelmäßigen und flächendeckenden Postdienst mit reitenden Boten. Diese nun genau 500 Jahre alte Idee erwies sich als bahnbrechend und für den damaligen Kaiser als äußerst nützlich, denn er mußte zwischen Wien und Madrid, zwischen dem Atlantik und der Adria seine Botschaften transportieren. Die Taxis-Reiter hatten das Heilige Römische Reich Deutscher Nation zusammenrücken lassen – und die Familie reich gemacht. Denn seit dem 16. Jahrhundert warf der Postdienst – wie sogar eine offizielle Schrift aus Regensburg mitteilt – „enorme Gewinne ab“. Mancher Historiker vermutet gar, daß die damaligen Postmonopolisten sogar daran verdienten, daß sie gelegentlich die ihnen anvertrauten Briefe öffneten und interessierten Kreisen den Inhalt zugänglich machten. Kaiser Leopold I. war von den Taxis so begeistert, daß er Alexander von Thurn und Taxis 1695 in den erblichen Reichsfürstenstand erhob.

Doch zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Post von den verschiedenen deutschen Ländern, die dem privaten Brief- und Personentransportunternehmen die Gewinne neideten, verstaatlicht. Die Thurn und Taxis wurden jedoch fürstlich entschädigt: mit Ländereien, die man in der Säkularisation kurz zuvor der Kirche abgenommen hatte, und mit Geld, das die Fürsten sogleich in Latifundien, Eisenbahnbaugesellschaften, Bergbauunternehmen und in die Zuckerindustrie steckten. Die einzigen Fürsten im Reiche, deren Titel nicht auf Territorium beruhte, waren doch noch zu Landbesitzern geworden und zu Kapitalisten.

Wer allerdings in jüngster Zeit wissen wollte, was die im Laufe der vergangenen Jahrhunderte angesammelten Besitztümer des Hauses wirklich wert seien, wurde von dem Aristokraten zur Mäßigung gerufen: „Ich frage Sie auch nicht, was Sie verdienen.“ Dennoch mußte sich der Fürst, der an seinem mit Lakaien vollbesetzten Hof bis in die heutigen Tage das steife spanische Hofzeremoniell pflegte, von bohrenden Fragen sichtlich angewidert über seine Geschäfte öffentlich äußern. Ziemlich respektlos hatte das Manager Magazin im Februar verbreitet, das fürstliche Reich sei nach Abzug der Schulden allenfalls 1,2 Milliarden Mark wert. Vor allem sei das Management der auf insgesamt 50 Einzelunternehmen verzweigten Gruppe so schlecht, daß bei über 800 Millionen Mark Umsatz 1989 gerade 17 Millionen Mark an Gewinn übriggeblieben seien. Das Blatt brandmarkte, daß die Bank und die Brauerei sogar Verluste schrieben. „Es gibt Fehlentwicklungen, die wir korrigieren müssen“, gestand Johannes seinerzeit zerknirscht ein.

Der Fürst engagierte zunächst den vielbeschäftigten Schweizer Unternehmensberater Nicolas Hayek, der noch an einem neuen Konzept für die Taxisschen Unternehmungen tüftelt. Zur Kurskorrektur gehörte aber auch, daß Johannes im August dieses Jahres praktisch sein gesamtes Topmanagement feuerte. Die erst drei Jahre zuvor engagierten Manager hatten ihm unter der Führung des von McKinsey abgeworbenen Helge B. Petersen zu viele Schulden gemacht, und er witterte die Gefahr, von seinen ehrgeizigen Angestellten langfristig ausgebootet zu werden. „Meine Manager haben mich erpreßt und hintergangen“, wetterte Johannes verletzt.

Doch zurück blieb eine große Leere und ein nicht bestelltes Haus. Heute drängt sich niemand auf, der auch nur den Anschein erweckt, der Oberleitung des ältesten weltlichen Besitzes gewachsen zu sein. Gloria, die Johannes 1980 im jugendlichen Alter von 19 Jahren ehelichte und ihm dann den vom Familienrecht vorgeschriebenen männlichen Erben schenkte, hat sich bisher eher als schrille Ulknudel für die Klatschpresse empfohlen, der sie stets für einen flotten Spruch gut war. Seit einigen Monaten jedoch erschien Gloria nicht mehr mit schrägen Punkfrisuren und bizarr dekolletiert in der Öffentlichkeit. Statt dessen empfiehlt sie sich häufig in gedecktem Blau für die neue Spitzenaufgabe. Im Privatissimum paukt sie mit einem Regensburger Betriebswirtschaftsprofessor das Einmaleins der Unternehmensführung, und vor wenigen Wochen erklärte sie optimistisch: „In einem Jahr bin ich fit.“ Aber selbst diese kurze Zeit der Vorbereitung hat sie nun nicht mehr. Karl-Heinz Büschemann