Zu zeichnen ist, wie es fällt, wie es liegt, wie es durchsichtig wird.“ Es: der sterbende Wald, die entwurzelten, entlaubten, entnadelten, entasteten Bäume. Eichenleichen, Fichtenskelette, Stämme, kreuz und quer durcheinander gestürzt wie Mikadostäbe. Die Rinden geplatzt, Bast quillt, Harztropfen kriechen. Totes Gehölz, Geäst, Gezweig, Gestrüpp. Dazwischen Strünke, die Wurzelteller sturmgefällter Riesen, Krater im Waldboden daneben. Kahle Peitschenäste ragen aus Buchen, schlaffes Nadellametta hängt an Douglasien, aus den Tannen schlagen Angsttriebe, auf ihren Kronen hocken düstere „Storchennester“. Sendboten des Todes, ehe die Tiere aus dem Wald fliehen und die Menschen nicht mehr kommen; ehe über allen Wipfeln Ruh’ herrscht und das Waldkleid licht wird und fadenscheinig wie des Bettelmannes Rock.

Dann hebt es an, das „große Abräumen“, einst prophezeit vom Mühlhiasl, dem Seher aus dem Niederbayerischen, und selbst die Umweltpolitiker beginnt die Wahrheit zu beschleichen: „In einigen Gebieten haben die neuartigen Waldschäden ein so großes Ausmaß erreicht, daß sich auf Teilflächen Bestände bereits aufzulösen beginnen“, heißt es im Waldzustandsbericht des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten.

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Was tun? Schwarzsehen – oder den Dichter Handke um heilende Worter bitten. Dieser Ratschlag steht in dem neuen Buch von Günter Grass „Totes Holz“. „An Ort und Stelle“, sagt er, „kann man sich nichts mehr vormachen, fällt einem nichts literarisch Wegführendes ein, wird man stumm.“ Er überläßt es nunmehr anderen, sich im Augenschein der zusammenbrechenden Waldgesellschaft die Feder zu verbiegen.

Der Erzähler zeichnet. In deutschen und dänischen Wäldern, im Harz, im Erzgebirge oder gleich hinterm eigenen Haus. Mit Bleistift, sibirischer Holzkohle, mit Sepia, mit dem Sud des Schopftintlings. Seit drei Jahren streift er (mit Hund) durch die siechen Wälder. Entstanden sind düstere Schlachtenbilder, Dokumente des lautlosen Krieges gegen die Natur.

Der Zeichner erzählt. Wie er tagelang die Motive mied, hoffend, sie mögen verschwinden, ihm gestohlen bleiben. Wie es ihn aber immer wieder hinauszog aufs Schlachtfeld, nachdem die Sieger abgezogen waren. „Es zwingt einen dorthin zu gehen, wo es am schrecklichsten ist. Es ist ein animalischer Trieb, ein amoralisches Handeln.“

Lust am Grauen, noch eine Ästhetik des Schreckens? „Ob Sie in den Wald gehen oder nach Kalkutta, überall zeigt sich das Elend der Schöpfung. Das erfindet ja nicht der Künstler. Aber es ist ja auch ein ,ästhetisches‘ Ereignis – wie die Kreuzigung Christi. Denken Sie nur an den Isenheimer Altar.“ Alle Bäume, behauptet der Zeichner, rufen Erbarmen. Doch dafür ist es zu spat. Wir haben keine Zeit, uns Sentimentalitäten zu leisten.