Deutschland, einig Waldesland. "Sägt die Bonzen ab, schützt die Bäume!" stand auf einem Transparent, das Demonstranten am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz schwenkten. Manchem Bürger der Ex-DDR dünkt, es sei unterdessen gerade umgekehrt gekommen. Neben bekannten Aufforderungen als Mauerinschrift nun diese: Bäume raus!

"Mit Oskar ins tote Holz gehen", heißt der Untertitel einer Lithographie. Ob ausgerechnet der hilft? "Lafontaine ist einer der wenigen Politker, die den Mut haben, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Dafür wird er als Demagoge beschimpft." Über die Umweltfrage hat man vom Kandidaten zwar viel gehört. Aber das Waldsterben kam im Wahlkampf so gut wie nie vor. Wie dem auch gewesen sei: "Kassandra wird nicht gewählt... und man sieht, wo Mehrheiten enden."

Sie enden zum Beispiel bei Ignaz Kiechle. Der Bundesminister für Feld und Forst läßt Zahlen sprechen und Wörter schweigen – das Waldsterben, eine Vokabel aus dem Wörterbuch des ökologischen Unmenschen. In Bonn heißt das Syndrom "neuartige Waldschäden", neuerdings "Waldzustand". Grass über Kiechle: "Da ist der Herbst, der Waldzustandsbericht. Dann hat er wieder ein Jahr Ruhe." Wenn die Blätter fallei, keimen die Sachzwänge.

Bild und Beschwichtigungstext, Skizze und Silbenschwund, Zeichnung und Zustandsbericht, Grass hat sie nebeneinandergestellt; sie beschreiben, hie beredt, dort stammelnd, den gleichen trostlosen Gegenstand.

Wieso das ganze Zetermordio? Wenn man hinausschaut in die Natur, dann ist doch alles grün, Tann satt, genug da. War was? Wir sehen uns unverändert.

Und ewig singen die Wälder, jedenfalls in der deutschen Waldseele. Sie erbaut sich an Opern und Singspielen, Waldliedern und Sagen, Märchen und Legenden; da sind Grimmelshausens "Simpicissimus", Webers "Freischütz" und Lortzings "Wildschütz", Stifter im "Hochwald" und, nebst Liesel, der "Förster im Silberwald"; da ist mannigfaltiger Ersatz: der Forstlehrpfad, der Märchenpark, das Fichtennadel-Schaumbad, die Plastiktanne zur Weihnachtszeit.

"Der Wald", sagt Grass, "ist in der Kultur konserviert. Wenn er wegstirbt, verschwindet mit ihm auch Kultur." Also markiert der Zeichner, zwischen weiteren Verlustanzeigen, jene Stellen im Hain, wo die Helden zum letzten Mal gesehen wurden: Hier, genau hier riß sich Rumpelstilzchen sein Bein aus. Totes Holz, nachgerufen den Gebrüdern Jacob und Wilhelm Grimm.