Wenn einer in den Ruhestand geht, kann er sich still davonmachen, oder er kann sich mit einem Paukenschlag verabschieden, Gerhard Mauz, der sich am 10. Dezember nach über 25 Jahren als Gerichtsreporter vom Spiegel verabschiedete, hat jetzt, bescheiden wie er stets war, noch einmal um „Aufmerksamkeit gebeten“ – für eine Anklage der deutschen Justiz, die nicht zu überhören sein wird.

Normalerweise hinterlassen Journalisten Sammlungen ihrer Reportagen oder Kommentare, Bücher, die schnell wieder vergessen werden, weil sie eben die Zeitungen von gestern sind. Gerhard Mauz aber zieht ein völlig neues Fazit aus der Summe seiner Erfahrungen, benutzt die sensationellen wie die alltäglichen Prozesse, die er miterlebte, sozusagen als Fallstudien, um zu beweisen, daß die dritte Gewalt nicht mehr in der Lage ist, die politischen, wirtschaftlichen und menschlichen Probleme zu bewältigen, die von der Politik auf sie abgewälzt werden.

Doch Anklage? Gerhard Mauz hat als Reporter dem Spiegel, der journalistisch ohne Zweifel die Nase vorn hat, der schneller und umfassender informiert als jede andere deutsche Wochenschrift, dem aber bedauerlicherweise der Zynismus aus den Zeilen trieft, dieser Mauz hat dem Spiegel immer wieder ein menschliches Gesicht gegeben.

Und wie seine Reportagen von compassion, mehr als Mitgefühl, geprägt waren, so ist das Plädoyer seines Buches doch am Ende ein Appell: zur Erneuerung der Justiz. Es wäre keines von Mauz, zeigte es nicht eine Chance auf, die sich durch den Zusammenbruch der Gerichtsbarkeit der DDR nun für das ganze Deutschland bietet, die Chance nämlich, aus Irrtümern zu lernen und Verständnis, Teilnahme und Hilfe anzubieten, wo sonst allzuleicht Rache geübt werden kann.

Michael Schwelien

  • Gerhard Mauz:

Die Justiz vor Gericht

Macht und Ohnmacht der Richter; C. Bertelsmann Verlag, München 1990; 247 S., 36,– DM