Bundesbürger erster und zweiter Klasse darf es nicht geben

Von Egon Bahr

Die wirklichen Anhänger der Einheit waren im Westen ganz überwiegend unter denen, die das alte Deutschland noch bewußt erlebt hatten, während die Jüngeren mit diesen "Sentimentalitäten" der Alten wenig anzufangen wußten. Das gilt wohl für die Mehrheit, nämlich für alle Jahrgänge unter 45 bis 50 Jahren. Es gibt in Westdeutschland Bedauern oder Sorge um das Ende der alten, guten, vertrauten Bundesrepublik. Patrick Süskind mag vielen seiner Generation aus der Seele gesprochen haben, als er sich fragte, ob denn Momper, der am 10. November vorigen Jahres vom glücklichsten Volk der Welt sprach, noch alle Tassen im Schrank hätte. Ich kenne doch auch in Ostdeutschland solche, die dieses Ende der DDR bedauern, und zwar auch Opfer des alten Regimes. Das müssen auf beiden Seiten nicht die Schlechtesten sein, denen es mindestens etwas mulmig ist, weil sie nicht wissen, wie das größere Deutschland sein wird.

Ich fühle mich, von Einzelfällen abgesehen, außerstande, den Menschen ins Herz zu sehen und zu unterscheiden zwischen Gläubigen und Opportunisten, Enttäuschten und Wendehälsen, Bekehrten und Verzweifelten; denn leben wollen sie alle und arbeiten auch. Und dabei schätze ich den, der sich zu den Idealen seines Lebens bekennt – auch wenn sie enttäuscht wurden, auch wenn er zu spät und zuwenig erkannt hat, welche Fehler oder Verbrechen begangen worden sind von seiner Führung –, höher ein als jemanden, der mir sein bloßes Mitläufertum erklärt. Feige waren die meisten. In Westdeutschland nennt man das anders. Aber auch da ist Anpassung gesünder, lukrativer, jedenfalls bequemer. Dabei wäre die Zivilcourage im Westen mit sehr viel weniger Risiko als im Osten belastet.

Was ich hier versuche, ist eine Analyse, eine Aufarbeitung psychologischer Befindlichkeiten in Ost und West, die uns beim Kennenlernen und besseren gegenseitigen Verständnis helfen sollen, also bei jenem Liebenlernen, das die Schwäche des Anderen kennt. Aber nun muß ich zu einem Unterschied kommen, der ebenso eine Schieflage erzeugt wie hoffnungsvoll sein kann. Erst in den vergangenen Monaten, auch als ich Offiziere der ehemaligen Bundeswehr mit denen der ehemaligen NVA miteinander sah, ist mir eine Seite der Freiheit klargeworden, die ich bisher so nicht gesehen hatte. Die Freiheit, deren sich die Westdeutschen vierzig Jahre lang erfreut haben, um sie nun fast selbstverständlich zu besitzen, diese Freiheit gibt ihnen eine Souveränität, eine Leichtigkeit, eine Sicherheit, eine Unverkrampftheit in Umgang und Auftreten, die Menschen, die in der Nicht-Freiheit leben mußten, nicht haben. Das kann zu Überheblichkeit auf der einen und zu Minderwertigkeitskomplexen auf der anderen Seite führen. Die Westdeutschen sollten sich dieses ungeheuren Vorteils bewußt sein; das Privileg verpflichtet zum Verstehen derer, die es unverdient nicht hatten. In dieser Einsicht und nicht herablassend sollten es die Westdeutschen den Ostdeutschen erleichtern, sich in die Kraft der Freiheit einzuleben. Eine solche Haltung kann die Westdeutschen vor der Versuchung schützen, Ankläger und Richter zugleich zu sein.

Schlimm und selbstzerstörerisch ist das hochmütige Urteil, das aus der Kenntnis des geschichtlichen Ergebnisses heute ganz genau weiß, was gestern falsch war. Gestern waren wir doch alle dumm; ich habe jedenfalls von keinem gehört, er habe gewußt, was kam. Es ist leicht, Christa Wolf vorzuwerfen, daß "die Subjektivität, um die sie sich bemühte, ihr längst in die Objektivität des DDR-Staates entlaufen war". Ich empfand Christa Wolf immer als Verbündete und war dankbar, daß sie das schwerere Bleiben dem leichteren Gehen vorzog. Wurde nicht die Ausweisung Wolf Biermanns als Schwächung des inneren Widerstandes empfunden? Waren nicht gerade so unterschiedliche Menschen wie Stefan Heym und Robert Havemann dem Staat unangenehm, weil sie an ihrem sozialistischen Ideal festhielten und seine bürokratische Karikatur kritisierten? Reicht der Sieg über die Karikatur nicht? Ist der kaum verhüllte Hohn über solche angebracht, die ihr Ideal nicht verleugnen oder verraten, heute sowenig wie gestern? Ich empfinde Achtung und Neigung für diese Menschen, auch wenn ich nicht immer ihre Meinung teile. Der französische Germanist Jean-Michel Palmière wundert sich, daß "die Schriftsteller auch für das Scheitern der DDR bezahlen müssen, als ob es ihre Aufgabe gewesen wäre, uns das Paradies zu schenken". Der Ruf von jenseits des Rheins ist ermutigend, daß die Weigerung Christa Wolfs, "Märtyrerin" zu werden, keinen Vorwurf verdiene.

Aber der fundamentalere Vorwurf gegen Christa Wolf lautete, sie habe letztlich dem Staat geholfen, indem sie den Menschen beschrieb, wie sie sich in ihm einrichten könnten. Dieser Vorwurf trifft alle Regierungen in Bonn, seit es den Freikauf von Häftlingen gab, seit Brandt Verträge schloß und Kohl den roten Teppich für Honecker ausrollen ließ. Wer den Menschen helfen wollte, mußte mit dem Staat arbeiten; das war gesicherte Erkenntnis seit dem Bau der Mauer und dem ersten Passierscheinabkommen, das sie durchlässig machte. Es war, wollte man nicht einer letztlich menschenverachtenden Resignation anheimfallen, gar nicht anders möglich. Und es war, wenn die SPD sich nicht selbst untreu werden wollte, folgerichtig, daß sie diese Politik, als sie in die Opposition ging, erst recht mit der Partei fortsetzte, die sich einen Staat hielt.