Willingen/Sauerland

Mit Ihnen rund um die Uhr auf fröhlichen Beinen sind 1500 Clubfreunde“, droht der Reisekatalog. Doch ich lasse mich nicht schrecken und mache mich am Adventswochenende auf ins tief verschneite Sauerland, um mit den „Gassenhopsern“, den „Damenkillern“, den „tollen Hechten“ und den „lustigen Kugeln“ – kurzum: mit Menschen, die mancher „Vereinsmeier“ schimpft – eine „Nacht in Las Vegas“ zu verbringen.

Müllers tolle Touren“ aus Münster hat, so verspricht der Katalog, „die Glitzer- und Glamourwelt der amerikanischen Showmetropole“ nach Willingen am Ettelsberg geladen, in das Riesenhotel „Stern“. Und dieses ist berühmt-berüchtigt, seit eine Illustrierte gleichen Namens von Gruppenkurzreisenden berichtete, die dort Zimmer buchen und sie dann gar nicht benutzen. Kegelbrüder und Kegelschwestern, Strickliesen und Knobelfreunde, Romme-Damen und Doppelkopf-Herren sollen dort die Betten wie die Partner tauschen – hin und her, kreuz und quer.

An diesem Wochenende aber geht es enttäuschend gesittet zu. Heinz Müller aus Münster will es so. Denn der „Branchenführer für Gruppenkurzreisen“ feiert sein „Saison-Abschluß-Festival“ und empfiehlt für die „Müller-Gala“ gutes Benehmen wie festliche Kleidung.

„Ich ziehe mich nicht um“, sagt Kegelbruder Horst und formt seine Lippen zum Schmollmund. Er hat soeben einen sechsstündigen Frühschoppen in der Hütte von „Erdgeist Siggi“ auf dem Ettelsberg beendet und wärmt sich nun, nach dem Heimweg durch Schnee und Nebel, an der Theke der hoteleigenen „Bierstube“ auf. Horst kommt daher, wohin früher die Kegelclubs reisten. Er lebt an der Mosel und fährt mit seinen Kegelbrüdem schon seit Jahren in den „Sauerland-Stern“.

Im „Sauerland-Stern“ gefällt es ihm dieses Mal nicht. Zu voll: „Überall muß man Schlange stehen.“ Außerdem kredenzen sie nur trockene, italienische Weine, und das ihm, der ein Mosel-Trinker und „ein ausgesprochen Lieblicher“ ist. Horst jedenfalls behält Jeans und Flanellhemd an.

Heinz Müller, der Vater der „Müller-Familie“, dem diese Protestaktion gilt, tauscht am Abend die sportliche Kleidung vom Nachmittag gegen einen dunklen Anzug – wie es sich gehört. Das „Abschluß-Festival“ erinnert eher an einen Abschlußball, und das Las-Vegas-Feeling will nicht aufkommen. Die einarmigen Banditen wurden nur zur Zierde aufgestellt und ihre Geldschlitze verklebt. Die Leuchtreklamen sind aufgemalt, die Cowboys und die nackten Damen auch. Nur die Türsteher, die am Portal des „Sterns“ mürrisch darauf achten, daß sich kein fröhliches Bein zuviel in die „geschlossene Gesellschaft“ drängt, sind echt.