Ein roter Kinderball hüpft auf die Bühne, die sich – so will es Erich Wonder – nach hinten senkt. Ein blonder Junge im Silberwams, die weißen Kniehosen in rotbraunen Stiefeln, stürmt herein. Dann spricht die Frau, die schon vor Beginn der Aufführung, mit dem Rücken zu uns, wie ein düsterer Schatten an der Rampe sitzt, die ersten Worte des Spiels: "Genug gespielt!"

Kühner, tollkühner Beginn einer Theateraufführung – mit den Worten: Das Spiel ist aus, ehe es begonnen hat. Wer darf so etwas sagen? Shakespeare nicht. Der erfindet für das vorletzte seiner mehr als dreißig Dramen, für "Das Wintermärchen" (1611), zwar die allegorische Gestalt der "Zeit", läßt sie aber nur einmal auftreten, zu Beginn des vierten Aktes. Da "dreht" die mit dem barocken Symbol-Gerät für Vergänglichkeit, der Sanduhr, hantierende Gestalt ihr "Glas" und läßt, wie ein moderner Conferencier, "sechzehn Jahre" einfach so "vorüberfliegen".

Die Moderatorinnen-Funktion der "Zeit" interessiert den Regisseur dieser Aufführung an der Schaubühne am Lehniner Platz nicht. Luc Bondy macht sich darüber sogar lustig: Die Schauspielerin säuselt die Anrede: "Ihr lieben Zuschauer!" ins Mikrophon und schmatzt einen Handkuß in den Saal.

Bondy ist fasziniert von der Zeit als gnadenloser Verwursterin des Lebens. So stellt sich "Die Zeit" vor – in Peter Handkes schöner, poetisch genauer Übersetzung, die in Berlin zum ersten Mal zu hören ist: "Ich, manchem eine Lust, mische alles, Freude und Grauen, / Gut und Böse, Verirrung und geraden Weg."

Deshalb erfindet Luc Bondy Shakespeares finsterem Märchen von Eifersucht und Mord und Tod, das wir uns als "Romanze" ins Erträgliche gezähmt haben, ein Vorspiel, das es bei Shakespeare nicht gibt. "Die Zeit" sitzt schon am Bühnenrand, wenn die ersten Zuschauer ins Theater kommen. Und sie erzieht sich ein Kind, das mit rotem Ball auf die Bühne wie ins Leben tollt, mit Worten, die im zweiten Akt die Mutter zum Kind sagt, da allerdings in der Form: "Genug gemunkelt!" (statt: "gespielt").

Die "Zeit" ist in dieser Inszenierung wahre Hauptfigur (nicht zum Segen der Aufführung). "Zeit" hat das erste Wort; an "Zeit" und ihr Vergehen wird erinnert, wenn die leibliche Mutter des Kindes – wie zuvor die zeitliche – am Bühnenrand sitzt und zu Beginn des zweiten Aktes das Gespräch wiederholt wird, das wir aus dem Vorspiel kennen; "Zeit" tritt auf, wie von Shakespeare gewünscht, zu Beginn des vierten Aktes, und "Zeit" hat bei Handke/Bondy auch das letzte Wort. Shakespeares bedrohliches Wort vom "Wide gap of time", vom Abgrund, vom Schlund der Zeit, in dem alle Spieler eine Zeitlang verschwunden waren, ehe sich die Überlebenden am Schluß wieder vereinen, der "weite Raum der Zeit, seit wir zuerst uns trennten" (Dorothea Tieck), "die sehr lange Zeit, die uns getrennt hat" (Erich Fried): Für Handke wird dies zum friedlich "Großen Bogen Zeit", unter dem Trennung dann aber besonders schmerzlich erlebt wird. Keine der bekannten Übersetzungen formuliert so schroff: "von dem Moment an, da wir so vereinzelten" ("since first we were dissever’d").

Die Zeit (Le Temps) – das war 1988 in Paris, als Luc Bondy das Stück in der Übersetzung von Bernard-Marie Koltès inszeniert hat (DIE ZEIT, 18. März 1988), ein Kind: allegorische Figur aus der Entstehungszeit des Stücks im Barock. Zerstörende Zentralgestalt damals: Eifersucht als Naturgewalt. So konnte Bondy dem an Personen und Themen reichen Märchen, das zwischen Komödie und Trauerspiel, Vers und Prosa mischend, taumelt, streng formale Einheit geben.