Von Michael Haller

Wie gefällt Ihnen, Herr Dürrenmatt, das aktuelle weltpolitische Theater?

FRIEDRICH DÜRRENMATT: Ich finde es zusehends grotesk und immer unberechenbarer. Zum Beispiel Michail Gorbatschow: Vor kurzem noch sah Reagan in ihm den Diktator über das „Reich des Bösen“. Inzwischen ist er Friedensnobelpreisträger. Zur gleichen Zeit aber geht es seinen Landsleuten so schlecht wie seit sechzig Jahren nicht mehr. Grotesk, daß die kommunistische Partei, die doch die Weltrevolution feiern wollte, ganz ohne äußeren Feind auseinanderfällt. Bizarr ist aber auch die Lage der USA, die sich mit dem Wettrüsten so hoch verschuldet haben, daß die amerikanische Politik inzwischen von ausländischen Banken abhängig ist. So wird das außenpolitische Geschäft immer unberechenbarer. Niemand wagt heute, im Dezember 1990, eine verläßliche Prognose, ob in sechs Wochen am Golf Krieg oder Frieden sein wird.

Man konnte meinen, die Realität wolle ein Stuck von Dürrenmatt inszenieren, der unsere Welt am liebsten als ein Irrenhaus zeigt, 1962 in den „Physikern“ und 1988 in seinem letzten Stück, „Achterloo“. Die Hauptpersonen der Weltpolitik reden anders, als sie denken, und sie denken anders, als sie handeln – ähnlich grotesk wir Ihre erfundenen Figuren.

DÜRRENMATT:. Oder noch grotesker. Mitunter habe ich den Eindruck, die Welt spiele ein noch viel verrückteres Theater. Die Atomwaffen in den Händen unberechenbarer Drittwelt-Potentaten oder die durch die Technik in Gang gesetzte Zerstörung unserer natürlichen Umwelt: Diese Prozesse sind, absurd, weil die Menschen sie gerne aufhalten möchten, sie in Tat und Wahrheit aber beschleunigen. Das real existierende Welttheater hat mit seinen Paradoxien mein Bühnentheater weit überholt. Ich bin froh, daß ich vor vier Jahren beschlossen habe, kein Bühnenstück mehr zu schreiben, denn die Perspektive der Menschheit ist wahrhaft apokalyptisch.

Es gibt aber auch Zeichen der Hoffnung. In Mittel- und Westeuropa immerhin scheint sich die politische Lage derzeit zu stabilisieren. In dieser Region hat die militärische Bedrohung und damit die Unberechenbarkeit abgenommen.

DÜRRENMATT: Sind Sie sicher? Das wachsende Wohlstandsgefälle von West nach Ost wirkt sich doch eher destabilisierend aus. Wir erwarten eine gigantische Völkerwanderung aus dem Osten in Richtung Westen. Glauben Sie, die Tschechen, die Polen und die Deutschen werden das Millionenheer der Notleidenden aus der Sowjetunion einfach bei sich aufnehmen? Der Flüchtlingsstrom wird ungeahnte, unvorhersehbare Folgen haben. Wir wissen nicht, was geschehen wird, wenn die westliche Wirtschaft ihre nächste Konjunkturkrise durchmachen wird. Die Welt des 20. Jahrhunderts ist unberechenbar und unplanbar geworden. Wer zum Beispiel hat schon am Ende des Zweiten Weltkriegs prophezeit, daß die beiden Kriegsverlierer Japan und Deutschland vierzig Jahre später Wirtschaftssupermächte sein werden, die dem hochverschuldeten Amerika überlegen sind?