DÜRRENMATT: Ich bin mir nicht so sicher. Wir Schweizer reagieren da vielleicht besonders sensibel, aber mir scheint, viele Deutsche geben sich auf eine merkwürdige Weise zunehmend nationalistisch. Zum Beispiel das Riesentheater, das alle vier Jahre als Fußballweltmeisterschaft gespielt wird: Sport ist heute das wichtigste Vehikel, um so etwas wie nationales Bewußtsein zu wecken. Und der Nationalsport nimmt in den deutschen Medien einen erschreckend bedeutsamen Platz ein. Ich mache keinen Hehl daraus, daß mir die alte Ordnung mit den beiden Deutschlands wesentlich besser gefiel. Natürlich hatten die Ostdeutschen in der DDR ein demokratisches System verdient. Ich habe aber nicht verstanden, warum nun unbedingt politisch zusammenwachsen soll, was geschichtlich zusammengehört. Ich habe immer einen Vorteil darin gesehen, daß der deutsche Sprachraum aus vielen verschiedenen Staaten zusammengesetzt ist. Die kleinen Volksbühnen der Vielstaaterei gehören in Wahrheit zur deutschen Tradition, nicht der Einheitsstaat. Ich fürchte, die riesengroße Bühne des neuen deutschen Einheitsstaats könnte so manchen Politikdarsteller zu imposanten oder tragischen Posen verleiten. Die Grenzenlosigkeit war immer eine Neigung der Deutschen. Doch wenn sie ihre Grenzen nicht spüren, spielen sie schlechtes Theater.

Die Schweiz feiert das 700. Jahr ihres Bestehens: Mit vielen Veranstaltungen soll das 1991 über die Bühne gehen. Wieso braucht ein Kleinstaat, der Politik stets nur als Dienstleistung verstand, solch ein nationalistisch intoniertes Theater?

DÜRRENMATT: Die Inszenierung dieser sogenannten 700-Jahr-Feier gerät deshalb zur Groteske, weil die Schweiz in einer tiefen Identitätskrise steckt: Die Schweiz ist nicht mehr das, was sie war, und auch nicht das, für was die Schweizer sie halten.

Sie haben Ende November in einer Rede zu Ehren des tschechoslowakischen Staatsgastes Vaclav Havel ausgerechnet die Schweiz mit einem Gefängnis verglichen, in dem die Schweizer als Gefangene freiwillig lebten. Wie meinen Sie das?

DÜRRENMATT: Ich sagte, Havel habe als Schriftsteller bittere Grotesken geschrieben über den früheren sozialistischen Alltag in der Tschechoslowakei. Man könne aber auch die blühende Schweiz als Groteske darstellen. Die Schweizer gäben sich nämlich eingeschlossen, als säßen sie in einem Gefängnis, in das sie hineingeflüchtet seien aus Angst, draußen überfallen zu werden. Um sich nun zu beweisen, daß sie freiwillig in ihrem Gefängnis säßen, habe jeder Schweizer auch noch die Rolle des Gefangenenwärters übernommen: In der Schweiz bewacht jeder sich selbst. Nehmen Sie den jüngsten Skandal, die sogenannte Fichen-Affäre: Ausgerechnet in dem Land, das von sich behauptet, die älteste Demokratie zu sein; in dem Land, das die direkte Beteiligung des Volkes an der politischen Macht eingeführt hat; das Land, das jede fremde Vormacht frühzeitig abgeschafft und das Milizwesen eingeführt hat: Ausgerechnet in der Schweiz hat die politische Polizei während Jahrzehnten ein gigantisches Geheimarchiv angelegt, in dem weit mehr als eine Viertelmillion Schweizer Bürger registriert wurden, und dies bei nur rund 6,5 Millionen Einwohnern. Dies bedeutete eine ähnlich flächendeckende Überwachung, wie es die Stasi im totalitären Einheitsstaat der DDR besorgte, nur mit dem vielleicht beruhigenden Unterschied, daß die Schweizer Schnüffler viel dilettantischer arbeiteten. Dieser Skandal kam im Zusammenhang mit einem anderen Skandal zum Vorschein, der Kopp-Affäre: Eine Bundesrätin nutzte ihre Stellung als Justizministerin, um ihren in eine dunkle Geldschieber-Affäre verwickelten Ehemann zu warnen. Auch diese Affäre widerspricht radikal dem Selbstbildnis der Schweizer, die sich gern als einen Hort der politischen Tugend mißverstehen. Zum ersten Mal begreifen viele Schweizer, daß auch ihr Staat Macht entfalten und gegen die eigenen Bürger einsetzen kann, ohne einen äußeren Grund zu haben. Denn das Groteske ist auch darin zu sehen, daß die SED von der Mehrheit des Volkes abgelehnt wurde, also Grund zum Bespitzeln hatte, während die Schweizer zu ihrem Staat absolut loyal standen.

Welche nationalen Werte feiert die Schweiz an ihrem 700. Geburtstag?

DÜRRENMATT: Die Schweiz weiß nicht genau, was sie feiern soll. In Tat und Wahrheit ist ja der moderne Staat, um den es heute geht, aus einer Niederlage heraus entstanden. Er ist Napoleon zu verdanken, einem Ausländer und Eroberer. Aber darüber reden die Schweizer nicht so gern wie über den ziemlich frei erfundenen Wilhelm-Tell-Mythos, der 700 Jahre alt sein soll. Um das Problem der Identitätskrise zu verstehen, ist wichtig zu wissen, daß die Schweiz nie eine Nation war, sondern immer ein künstlicher Staat. Er entstand in der Folge schwerer religiöser Auseinandersetzungen: In Genf hatten sich die Calvinisten durchgesetzt, die nicht nach Frankreich wollten. In Zürich waren es die ähnlich stur denkenden Zwinglianer. Dazwischen die erzkatholische Innerschweiz. Nicht von ungefähr zerfleischten sich die Schweizer immer aufs neue in grausamen Religionskriegen. Überhaupt, sie waren nie das friedliebende Volk, als das sie sich heute sehen. Als sie mit den Religionskriegen aufhörten, kämpften sie als Landsknechte auf Europas Schlachtfeldern voll Enthusiasmus weiter. Unvergessen ist die Schweizergarde Ludwig XVI., die sich für den König aufopferte, statt auf der Seite des revoltierenden Volkes für die Demokratie zu kämpfen. Unglaubhaft ist auch der Mythos, die älteste Demokratie zu sein. In Wahrheit führten viele Städte – allen voran Bern – während Jahrhunderten ein grausames Ausbeuterregime über ihre Ländereien. Bauernaufstände wurden blutig niedergeschlagen, Hungersnöte mit Zynismus quittiert. Die Schweizer Bürger sind tatsächlich stolz darauf, nie zu einer Nation verschmolzen zu sein. In der Schweiz blieben ja auch die vier Sprachregionen stets für sich. Die Einwohner geben sich nur gegenüber Ausländern als Schweizer, gegenüber andern Schweizern sind sie überzeugte Lokalpatrioten: Talschaft gegen Talschaft, Stadt gegen Stadt, Kanton gegen Kanton.