Die Tage der nuklearen Monokultur bei der Stromversorgung in Frankreich scheinen gezählt. Nachdem der Strom-Monopolist Electricite de France (EDF) fast zwanzig Jahre lang ausschließlich auf Atomkraft gesetzt hat, will er nun auch andere Energiequellen wieder stärker anzapfen.

Die EDF untersucht ernsthaft, wie stillgelegte Atomkraftwerke zu modernen Gaskraftwerken umgerüstet werden können. Dabei will sie praktisch die nichtnuklearen Teile der Stromfabriken wiederverwenden, also vor allem Kabel und Generatoren. Diese nutzen sich weniger schnell ab als etwa das Kühlsystem.

Die Kehrtwende kann nicht überraschen. Im Winter fragen die Franzosen zeitweise dreimal mehr Strom nach als im Sommer. Und diese enorme Nachfrage kann der Stromgigant schon heute nicht mehr selbst befriedigen. Da sollen die relativ billigen und flexiblen Gaskraftwerke Abhilfe schaffen.

Das Problem ist freilich hausgemacht, Jahrzehntelang hat die EDF die Franzosen vor allem mit tariflichen Tricks dazu gebracht, sich Elektroheizungen zuzulegen – nicht zuletzt, um eine Rechtfertigung für das riesige Atomprogramm mit über fünfzig Meilern zu haben. Die Stromradiatoren treiben jetzt aber in winterlichen Spitzenzeiten den Verbrauch in kritische Höhen.

Um diese Nachfrage zu befriedigen, muß die EDF daher auch die wenigen Stromfabriken voll ausfahren, die sie noch mit fossilen Brennstoffen betreibt. Die unschöne Folge: In Frankreich, wo Atomkraftwerke über siebzig Prozent des Stroms produzieren, kam im vergangenen Jahr wesentlich mehr Schwefeldioxid aus öffentlichen Kraftwerksschloten als in der Bundesrepublik. Nach Angaben des französischen Umweltministeriums waren es 1989 374 000 Tonnen. Hierzulande lagen die SO 2-Emissionen laut der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke (VDEW) bei nur 220 000 Tonnen.

Beim Stromkonzern RWE war die umweltpolitische Einsicht schon mal weiter entwickelt, als es Vorstandsvorsitzender Friedhelm Gieske in seiner jüngsten Rede vor der Hauptversammlung des Unternehmens erkennen ließ. Gieske, hier und dort höchst überschwenglich als der Mann gefeiert, der die Lücke des zu früh verstorbenen Energie-Vordenkers Rudolf von Bennigsen-Foerder füllen werde, erteilte einer nationalen CO 2-Klimaabgabe eine deutliche Absage.

Eine Abgabe sei kontraproduktiv, weil sie den Unternehmen Mittel entziehe, die dann für andere Umweltinvestitionen fehlten, argumentierte der RWE-Chef. Offenbar hat Gieske noch nicht gelernt, wie man Abgaben auf die Verbraucher abwälzt – eine in der Stromwirtschaft sonst gängige Praxis.