Es ist ironisch, ja tragisch: Der Westen rafft sich zur Hilfe für die Sowjetunion mit solcher Verspätung auf, daß sie fast mit Sicherheit zu spät kommt. Gorbatschows Wirtschaftsreform steckt in der Sackgasse, die Union der fünfzehn Republiken steht vor dem Zerplatzen. Der Präsident stützt sich, um Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten, mehr und mehr auf die Partei, das Militär und den KGB, denen er doch die Flügel hatte stutzen wollen. „Rußland hungert“ – das stimmt so nicht, aber viele Menschen in dem Riesenreich leiden Hunger und Not. Die Hilfsaktionen aus dem Westen haben ihre Berechtigung.

Zu fragen ist freilich, ob die Sowjets selber genug tun, um die Not zu wenden. Drei Nachrichten aus jüngster Zeit verstören. Nummer eins: Der Finanzminister verkündet eine Kürzung des Verteidi~~~~~ ~~~~~ ~~~~~ ~~~~~ rungsplan jedoch rechnet für 1991 mit einer Aufstockung von 27 Milliarden. Nummer zwei: Das Militär produziert fünf neue Typen von Interkontinentalraketen. Nummer drei: Die Rote Armee hat monatelang rund tausend Güterzüge requiriert, um schweres Gerät in den abrüstungsfreien Raum östlich des Urals zu transportieren, anstatt es an Ort und Stelle zu vernichten. Kein Wunder, daß die zivilen Bedürfnisse zu kurz kommen.

Lange Zeit hat der Westen Moskaus Reformen nur mit halbem Herzen begleitet – wie der Kreml-Herrscher selber sie nur mit halbem Herzen betrieben hat. Jetzt, wo so viele ihr Herz für Rußland entdecken, müßte auch Gorbatschow mehr Beherztheit zeigen. Th.S.