Von Otto Köhler

Passau

Das ist Passauer Brauch. Zum Beginn des Wintersemesters speist die Stadt ihre neuen Studenten in der Nibelungenhalle mit Leberkäs und 5000 Litern Bier, und vier Wochen später nährt Mutter Kirche die Professoren im Seminar St. Valentin am Domplatz. Doch als vorletzten Freitag um 19.30 Uhr Passaus Bischof Franz Xaver Eder den Lehrkörper der Universität zum Abendmahl bat, konnte er nicht sicher sein, ob da ein Judas als Mitesser kam – oder sogar deren mehrere.

Gewiß, die beiden bekannten Haupttäter, der Soziologe und CSU-Spezialist Alf Mintzel und der Strafrechtler Bernhard Haffke waren durch andere Verpflichtungen verhindert, aber da sind drei Dutzend Mittäter, deren Namen noch nicht publik wurden. Sie alle unterzeichneten einen Antrag, der das wissenschaftliche Selbstverständnis einer deutschen Universität im ausgehenden 20. Jahrhundert betrifft, sich aber – so jedenfalls sehen es viele in Passau – gegen die Heilige Mutter Gottes wendet.

Mintzel und Haffke verstehen nicht, warum sie mit jedem offiziellen Akt der Universität, ja sogar mit Fax-Briefen an ausländische Kollegen Propaganda für Gegenreformation, Türkentod und Ketzerverfolgung machen sollen. Sie stellten deshalb am 4. Oktober an den Senat der Universität den Antrag auf "Abschaffung des Siegelemblems (,Maria zum Siege’) der Universität Passau", der inzwischen von 37 Kollegen unterzeichnet wurde.

Tatsächlich stellt das Zeichen, das die reichlich junge Universität seit ihrer Eröffnung 1978 im Schilde führt, nicht einfach eine liebliche Madonna dar, wie sie beispielsweise auch die Universität Köln in ihrem Wappen zeigt. In Passau residiert die Maria vom Siege, die in der Madonna personifizierte ecclesia triumphans. Denn das Universitätssiegel zeigt eine Madonna, die mit ihren Füßen einen Drachen niederhält. Ihm stößt ein sichtlich stark motiviertes Jesuskind aus ihrem Arm herab mit hoher Energie das zu einer Lanze umfunktionierte Kreuz in den Rachen.

Woher das militante Madonnen-Emblem der Universität kommt, hat 1988 der Doktorand Conrad Anton Lienhardt untersucht. Seine Dissertation "Maria vom Siege" liefert die historischen Belege für die Identifizierung des Drachens, dem das Jesuskind sein Kreuz in die Gurgel spießt.