Mozart ist tot. Seit 199 Jahren und ein paar Tagen. Und in gut einer Woche beginnt offiziell das Mozart-Jubel-Todes-Jahr mit Superlativen an allen Ecken und Enden. Aber: Wer zu spät kommt, den bestraft der Markt. Und deshalb werden schon seit Monaten Bücher, Zeitschriften und Schallplatten veröffentlicht – kein Aspekt bleibt unerwähnt. Die Erkenntnisse indes sind rar.

So zum Beispiel in der Ausstellung „Zaubertöne. Mozart in Wien 1781 – 1791“, die jetzt im Wiener Künstlerhaus termingerecht verfrüht eröffnet wurde. Da wird man durch eine enge Ausstellungs-Architektur geschleust mit weißen, aseptischen Wänden. Die Gänge sind manchmal keine zwei Meter breit, unter den Füßen brauner Teppichboden und an der Decke nußbaumfarbene Gerüste, an denen Halogenstrahler befestigt sind. Es gibt Nischen und Winkel, kleine Vorsprünge und einige Stufen. Das ist schick, das paßt ins digitale Zeitalter.

An den Wänden und in den Vitrinen keine Überraschungen: Portraits und Zeichnungen, Landkarten und Briefe, Noten-Autographe und Theaterzettel, dazwischen Gebrauchsgegenstände der Zeit. Eine Reisetoilette etwa mit Ledersitz, ein Mikroskop, der Rock eines Scharfrichters aus rotem Tuch oder ein Billardtisch – ein Sammelsurium vorwiegend aus Wiener Beständen, chronologisch geordnet, dicht gehängt und ohne jeden Mut zu einer Idee oder gar These.

Damit das Ausstellungs-Labyrinth vollständig ausgenutzt wird, sind die Wände auch noch beschrieben; mit Highlights aus den Mozart-Briefen, mit Sentenzen, ein paar Fakten und Impressionen. Und dann auch noch ausführliche Inhaltsangaben der Opern, so wie man sie in jedem Opernführer nachlesen kann.

Doch ohne Musik „funktioniert“ heutzutage eine Mozart-Ausstellung nicht mehr. Das dachten zumindest die Organisatoren Günter Düriegl und Marie-Louise von Plessen. Und so zwingen sie den Betrachter, ein Mozart-Konzentrat zu hören. Dafür haben sie die Ausstellung in achtzehn „Musikbereiche“ eingeteilt. Aus den Lautsprechern plätschern Kompositionen, die zeitlich zu den jeweiligen Ausstellungsobjekten passen. Im Musikbereich 8 etwa das Klavierquartett KV 478, dann der „Figaro“ und das Klavierkonzert KV 482. Aber nicht etwa vollständig, sondern zusammengestückelt auf ungefähr eine Viertelstunde. Mozart-Häppchen, die man aber noch nicht einmal pur serviert bekommt. Denn die einzelnen Ausstellungsabschnitte sind akustisch nicht voneinander getrennt. Da kann es dann passieren, daß man die Ouvertüre zur „Zauberflöte“ hört und gleichzeitig schon aus dem Requiem das „Lacrimosa“ aus der nächsten Abteilung. So wird Mozarts Musik zur bizarren Muzak degradiert. Und dazu noch der unverschämte Spruch eines Sponsors: „Die Musik in dieser Ausstellung kommt von Mozart und Philips.“

Welch ein Schicksal aber erst für die Aufseherinnen, die zehn Monate lang sechs Tage in der Woche jeweils neun Stunden die Szenerie beobachten und alles mit anhören müssen. Sie werden am 15. September, wenn die Ausstellung schließt, die Passagen ihrer Abteilung an die 10 800mal gehört haben. Das reicht.

Mozart bleibt stumm. Da hilft es auch nicht, das Mozart-Portrait von Barbara Krafft in vielen Sprachen zu verfremden. Der Mund mit den schnippisch nach oben gezogenen Mundwinkeln ist nicht mehr zu sehen, denn darauf klebt, völlig aus dem Zusammenhang gerissen, ein Etikett: „Es ist alles Prahlerei“. Eine dumme Sprechblase, Marketing mit Mozart. Widerlich. Eckhard Roelcke