Rummelpott. Fastnachtsspiele. Kinder ziehen durch die Silvesternacht, schlagen Krach, verscheuchen die bösen Geister. Sie haben sich verkleidet. Als Hexen, Teufel, alte Frauen oder Räuber streifen sie umher, blicken uns an aus den vielen Bildern. Frontal, aufmerksam, als warteten sie auf etwas. Hier und da steht ein Fremdling unter ihnen. Ein Mädchen, gesichtslos, jung, unmaskiert. Es schweigt, ist anwesend und doch nicht dabei. Der Mummenschanz, das Leben zieht an ihm vorbei.

Rummelpott, ein Thema für ein Künstlerleben. Natürlich hat Willem Grimm, der Lehrer von Reinhard Drenkhahn, dem jung verstorbenen Maler stummer Welten, abgelegener Gegenden voller seltsam lebendiger Gegenstände, auch anderes gemalt. Einen Bauerngarten am hellen Mittag, eine Vierländer Landschaft, Häuser, Stilleben, auch Zeichnungen mit silhouettenhaft archaischen Formen, die ihre Erzählung eher verbergen als zeigen wollen. Trotzdem, Fastnacht war Willem Grimms lebenslanges Thema – in der Zeichnung, im Aquarell, im Holzschnitt (seine besten Arbeiten) und in Eitemperabildern. Dem Sujet zog er hinterher, von Norddeutschland in den Süden, nach Bayern, zur Basler Fastnacht.

Ein volkskundlicher Forscherdrang? Gesellschaftssatire, comédie humaine? Oder die Entlarvung der Larven wie bei James Ensor? Ein Gleichnis aufs Leben? Der Tod eines jungen Mädchens hat in Grimm einen tiefen Eindruck hinterlassen. Sie ist vorhanden in vielen seiner Bilder, ihre Züge zeigen die andere, die leere Seite der Verkleidung. Maskerade hat lange Traditionen. Grimm sah’s wohl von allen Seiten und vor allem handwerklich.

Willem Grimm gehörte zur Hamburger Sezession, in die Gruppe der Maler mit Eduard Bargheer und Fritz Kronenberg, mit Karl Kluth und Kurt Löwengrad, die sich 1936 auflöste, um nicht, wie verlangt, die jüdischen Mitglieder zu verraten. Wie viele andere ist Grimm von Paula Modersohn-Becker beeinflußt, lernte von Munch, der in Hamburg Mode war, die Kunst der pathetischen Geste, des lautlosen Schreis. Nach 1936 lebte Grimm dann in der Nähe von Worpswede, arbeitete in der Landwirtschaft, wurde eingezogen, kehrte 1946 nach Hamburg zurück, wurde Lehrer an der Kunsthochschule am Lerchenfeld, ein stets ganz und leibhaftig unter seinen Studenten arbeitender, laut Musik spielender und Literatur empfehlender Lehrer.

In den Holzschnitten scheinen die Rummelpottgestalten direkt aus dem Material zu wachsen. Die Maske wird zur Realität, zur eigentlichen Natur. Die Faser, die Struktur des Holzes schweißt Wirkliches und Phantasie zusammen, die Fastnachtszene wird zur Mythologie. Wir sehen Erinnyen, Harpyien, Nornen, nordische Naturgötter. In den Bildern beschäftigt Grimm die Farbe, Goethes Farbentheorie war der Hintergrund, auch wenn der Maler nie Theoretiker sein wollte. Türkisgrüne Gründe: Wir sehen Maskierte in ausgelassener Fröhlichkeit. Grellbunte Farben nebeneinander: Die Fastnacht wird zum Irrwitz, zur Groteske. Rote Stimmung: Uns schlägt Melancholie entgegen. Rummelpott im grünen Zimmer: Wir sehen den Familienschnappschuß vom Jahresende. Willem Grimm liebte diese Experimente. Er arbeitete in Serien, kolorierte auch die Holzschnitte, wandelte ein und dieselbe Szene damit psychologisch vollständig um, trieb ähnlich wie Itten oder Albers Farbstudien, ohne dabei abstrakt zu werden.

Gezeigt hat der Professor an der Hamburger Kunsthochschule, so lesen wir, zu seinen Lebzeiten wenig. Seine Schüler nahm er ernst. Jetzt, vier Jahre nach seinem Tod 1986, läuft das Projekt Willem Grimm. Ein Buch über ihn ist erschienen. Die Galerie Zwang zeigt Holzschnitte. Gemälde und Aquarelle sind in der Galerie Hauptmann ausgestellt. (Galerie Zwang bis zum 21. Dezember; Galerie Hauptmann bis zum 2. Februar; "Der Maler Willem Grimm 1904-1986. Leben und Werk", herausgegeben von Margret Grimm, Harald Rüggeberg; Christians Verlag, Hamburg 1989; 56 Mark) Elke von Radziewsky