Von Gottfried Forck

Alles, was in den vergangenen zwölf Monaten geschehen ist, hat sich in einem atemberaubenden Tempo vollzogen. Am Anfang dieses Jahres gab es noch die DDR. Die Bürgerrechtsbewegung hatte ihre große Stunde. Überall in den Kreisen und Bezirken waren Vertreter der im Herbst 89 entstandenen Parteien und Gruppierungen um die runden Tische versammelt. Besonders der Zentrale Runde Tisch griff auch immer wieder kritisch in die Politik der Modrow-Regierung ein. Von Zeit zu Zeit fanden in größeren Städten noch Demonstrationen statt, doch waren nicht mehr Freiheit und demokratische Mitverantwortung die Themen; nun ging es um den möglichst bald zu vollziehenden Anschluß an die Bundesrepublik. Die Losung „Deutschland – einig Vaterland“ wurde zur bestimmenden Aussage der Demonstrierenden.

Die Vorbereitungen der Wahlen zur Volkskammer entsprachen dieser Tendenz. Sie wurden von den bundesdeutschen Partnern der ostdeutschen Parteien so stark geprägt, daß die zur Wahl stehenden Kandidaten oft nur wenig ins Blickfeld der Wähler gerieten. Das Gespräch mit einem Taxiichauffeur ist dafur typisch. Als ich ihn fragte, wen er gewählt habe, antwortete er: „Ich habe Kohl gewählt.“ Als ich dann sagte: „Dann haben Sie also de Maizière gewählt“, antwortete er: „Den kenne ich gar nicht.“

Der Ausgang der Wahl machte deutlich, daß die Mehrheit der Bevölkerung eine baldige Vereinigung wünschte und sich davon vor allem einen möglichst schnellen Anschluß an den westlichen Wohlstand erhoffte. Die Gruppen und Parteien, die ganz wesentlich die Wende vorbereitet und durchgestanden hatten, wurden durch diese Neuorientierung der Mehrheit mit ihren Absichten und Plänen an den Rand gedrängt. Sie bekamen nur wenige Sitze in der Volkskammer.

Die Mehrheit der Bevölkerung: daß sie auch stark von denen gebildet wurde, die bis zum Herbst des Vorjahres sehr angepaßt an den real existierenden Sozialismus gelebt hatten, wird nicht verwundern. Diese Vergangenheit verdrängten viele, indem sie alle Schuld – auch an dieser Anpassung – denen zuschoben, die damals im Staat und in der Nationalen Front die Führung hatten.

Schon vorher hatten manche ehemaligen Parteigenossen der SED durch ihren Parteiaustritt mit einigem Erfolg versucht, für sich und ihre Gesinnungsgenossen leitende Positionen in Betrieben und Einrichtungen zu erhalten. Oft begründeten sie ihren Parteiaustritt mit dem Argument, sie seien niemals überzeugte Marxisten gewesen und überhaupt nur zur Erreichung ihres Berufszieles in die Partei eingetreten. Seltener war und ist eine andere Haltung anzutreffen: daß Menschen sich dazu bekennen, sich in ihrem Leben bis dahin für eine falsche Sache eingesetzt zu haben, und daß sie nun eine wirkliche Neuorientierung versuchen.

Auch bei der Auflösung des Staatssicherheitsdienstes zeigte sich unter den ehemaligen Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit wenig Einsicht in die verbrecherische Tendenz ihrer bisherigen Arbeit: der Überwachung fast der ganzen Bevölkerung. Um so überraschender wirkte es auf viele Menschen in der ehemaligen DDR, daß wiederholt Stasi-Offiziere im westlichen Fernsehen belastende Aussagen über andere machen durften, ohne daß ihr Name genannt, ihr Gesicht gezeigt wurde und ihre Stimme identifiziert werden konnte. Es mußte der Eindruck entstehen, daß es den Medien nicht um Aufklärung der Stasi-Vergangenheit ging, sondern um spektakuläre Mitteilungen, die eine hohe Einschaltquote garantierten.