Ausländische Investoren verlassen den iberischen Markt

Von Volker Mauersberger

Ausgerechnet am Ende eines von schäumender Konsumfreude geprägten Jahres macht sich in Spanien tiefer Pessimismus breit. Den allgemeinen Stimmungsumschwung brachte kürzlich die Banco de Bilbao-Vizcaya auf den Punkt: "Die Rezession ist da", warnte das große Kreditinstitut in seinem jüngsten Jahresbericht. Tatsächlich lassen die neuesten Wirtschaftsdaten für das kommende Jahr wenig Gutes ahnen: Die Automobilindustrie hat 23,5 Prozent weniger verkauft, die Inflationsrate liegt bei 6,7 Prozent, im November ist die Zahl der Arbeitslosen wieder gestiegen. Zudem sank die Zahl der devisenbringenden Spanien-Touristen 1990 um vier Prozent. Auch die spanische Zentralbank rechnet im kommenden Jahr offenbar mit dem Ende der Fiesta. Nach ihren Prognosen wächst die Wirtschaft der iberischen Halbinsel in den nächsten zwölf Monaten nur noch um zwei Prozent gegenüber 3,5 Prozent 1990.

Allgemeine Verunsicherung

Über die Ursachen des wirtschaftlichen Abschwungs sind sich die Medien einig: "Spanien ist nicht mehr in Mode", tönt das linksliberale Wochenmagazin Cambio 16. Die spanische Tageszeitung Diario 16 pflichtet bei: "Unser Land ist für ausländische" Investoren nicht mehr sehr attraktiv. Viele weichen aus, weil sich auf dem europäischen Kontinent bessere Möglichkeiten ergeben haben." Und auch ein deutscher Bankier meint sarkastisch: "Die Lemminge ziehen ab." Zwar sind in den ersten zehn Monaten 1,5 Milliarden Peseten (rund 95 Millionen Mark) investiert worden, doch unter in- und ausländischen Unternehmen wird zunehmend von einer "allgemeinen Verunsicherung im Blick auf die nächsten Jahre" gesprochen, die die Investitionslust dämpfe.

Mit Besorgnis registriert der spanische Industrieminister Claudio Aranzadi, daß einige ausländische Groß-Multis seinem Land plötzlich den Rücken kehren. Schon nach dem Gerangel um den Nutzfahrzeughersteller Enasa, der an den italienischen Fiat-Konzern verkauft worden ist, wurden Befürchtungen über ein wachsendes Desinteresse des Auslands laut. Denn warum, fragen nicht nur Politiker, hat sich die deutsche Firma MAN so sang- und klanglos aus dem Geschäft zurückgezogen, nachdem das Bundeskartellamt die gemeinsame Übernahme durch MAN und Daimler-Benz untersagt hatte? "Einige multinationale Unternehmen haben uns enttäuscht", gesteht der Industrieminister freimütig.

So sagte ein italienischer Glas-Multi den Bau eines Zweigwerks in El Ferrol an der galizischen Nordwestküste kurzerhand ab; das Automobilkonsortium Ford-Volkswagen änderte seine Pläne und verlegt eine für Sevilla geplante Montagestätte nach Portugal. Der Papierkonzern Feldmühle gibt ein Drittel seiner Beteiligung an einem Joint-venture-Geschäft in Galizien ab. Der englische Multi General-Electric verzichtet auf eine Produktionsstätte in Cartagena, und auch vom französischamerikanischen Konsortium General Motors / Renault flatterte den Spaniern eine kurzfristige Absage ins Haus: Eine Fabrik für den Bau eines Allzweck-Fahrzeugs im nordspanischen Valladolid wird nun doch nicht gebaut. Der italienische Fiat-Konzern zieht es ebenfalls vor, statt wie beabsichtigt in Spanien anderswo ein Automobilwerk zu errichten.