Von Volker Ullrich

Am Eingang empfängt uns eine schwarze Platte, darin, scharf ausgeschnitten, die Umrisse eines Mannes; das Loch gibt den Blick frei auf eine Tafel mit Losungen wie: "Die Kreaturen müssen frei werden, soll sonst das reine Wort Gottes aufgehen." – "Es ist vonnöten, daß Deutschland nicht zur Mördergrube werde." – "Hörst Du Welt, ich predige Dir Jesus Christum den Gekreuzigten zum neuen Jahr und dich und mich mit ihm."

Worte des Thomas Müntzer, des Predigers, Propheten und Führers im Bauernkrieg, der 1525 nach dem Sieg der Fürsten in der Schlacht von Frankenhausen gefangengenommen, unter unsäglichen Qualen verhört und anschließend enthauptet wurde. Kopf und Körper wurden aufgespießt und zur Schau gestellt – den Lebenden zur Abschreckung und Warnung.

Worte sind alles, was von Thomas Müntzer geblieben ist. Nicht ein einziges authentisches zeitgenössisches Bildnis gibt es von ihm. Die überlieferten Bilder gehen alle auf eine Vorlage zurück: den Kupferstich Christoph van Sichems aus dem Jahre 1608, der Müntzer in einer Traditionslinie der Ketzer zeigt – mit abstoßenden Zügen, wie sich damals schon Obrigkeit und Spießer einen revolutionären Fanatiker vorstellten.

Sein Name sei, schrieb Müntzer einst, "dem armen dürftigen heuflin eyn süsser geroch des lebens und den wollustigen menschen eyn ausfallender greuell des swynden vorterbens". So wie damals scheiden sich bis heute an ihm die Geister: Die einen sehen in ihm den Kämpfer für die Armen und Entrechteten, den Visionär einer gerechten Gesellschaftsordnung, für die anderen ist er ein utopischer Schwärmer und notorischer Unruhestifter.

Das Bauernkriegsmuseum in Böblingen – das einzige seiner Art in Deutschland (siehe Rolf Michaelis in der ZEIT vom 13. 5. 88) – hat jetzt dem großen Gegenspieler Martin Luthers während der Erhebung des "gemeinen Mannes" 1524/25 eine Ausstellung gewidmet. Böblingen und Thomas Müntzer – schmückt sich die schwäbische Stadt hier nicht mit Federn, auf die andere Orte im Thüringischen oder Sächsischen eher ein Anrecht hätten? So ganz weit hergeholt ist der Bezug indes nicht. Ende 1524 weilte Müntzer im Klettgau zwischen Hochrhein und Schwarzwald, der Ursprungsregion des Aufstands. Er trug dazu bei, daß aus der kleinen Flamme der Empörung ein Flächenbrand entstand. Der Nachhall seiner Predigten ist noch in manchen bäuerlichen Programmen Süddeutschlands spürbar. Und daß das Kontingent der Schwarzwälder Bauern in der Schlacht bei Böblingen – drei Tage vor der von Frankenhausen – sich als besonders kampfentschlossen zeigte, ist vielleicht auch auf den Einfluß Müntzers zurückzuführen. Eine riesige Fahne mit dem Regenbogen – dem Symbol des göttlichen Beistands die sich durch die drei Stockwerke des Museums zieht, demonstriert das über regionale Unterschiede hinwegreichende gemeinsame Band der bäuerlichen Aufstandsbewegung.

Thomas Müntzer ist ein geradezu klassischer Fall für die Indienstnahme von Geschichtsschreibung für politische Interessen. So erklärt sich, daß die Ausstellung den Zugang zum Thema über die Rezeptionsgeschichte Müntzers sucht. In der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik hat man sich schon früh seiner bemächtigt – als Identifikationsfigur in der Ahnengalerie des revolutionären Sozialismus. Die DDR – so lesen wir in den Thesen zum 500. Geburtstag Thomas Müntzers (im Neuen Deutschland von Ende Januar 1988) – "verstand sich von Anfang an als ein Staat, der die Idee Thomas Müntzers ‚Die Gewalt soll gegeben werden dem gemeinen Volk‘ verwirklicht".