Banken und Sparkassen waren es, die die Arbeitnehmer vor gut drei Jahrzehnten von der altgedienten Lohntüte entwöhnten. Das private Girokonto wurde als die einzig sinnvolle Alternative gepriesen. Damals verzichteten die Banken auf Gebühren – obwohl jede einzelne Buchung mit zeitaufwendigem Ausfüllen von Kontoblättern verbunden war. Mühevoll war erst recht die Zinsberechnung: Altgediente Bankangestellte erinnern sich noch mit Schaudern an frühere Silvesterabende, an denen sie mit Zahlenkolonnen im Kopf – seinerzeit noch ohne Taschenrechner und Computer – die Zinsen staffelten und die gutzuschreibenden Pfennigbeträge mehr schätzten denn errechneten.

Heute werden jährlich Millionen und Milliarden Buchungen im bargeldlosen Zahlungsverkehr abgewickelt, die Flut der Überweisungen und Lastschriften steigt kontinuierlich. Dank modernster Bankelektronik strömen heute die Beträge rund um die Uhr durch den Bankenapparat, ohne daß die Angestellten Überstunden machen müssen – einen Stillstand der Computer gibt es praktisch nicht mehr. Geändert haben sich auch die Gebühren: Schon vor Jahren haben die meisten Institute den Guthabenzins von ohnehin kaum mehr als einem halben Prozent abgeschafft – aus Rationalisierungsgründen, wie es offiziell heißt. Auch ist die Kontoführung längst nicht mehr kostenlos. Begnügten sich die Kreditinstitute anfangs noch mit Pauschalen wie etwa 3 Mark im Monat, wird jetzt jede einzelne Buchung mit bis zu 1,20 Mark abgerechnet. Als „Retter der Menschheit“ sehen sich gar manche Institute, die dem Kunden gleich Pauschalen von 10 oder 12 Mark monatlich abnehmen – selbst wenn sein Konto nur fünf Buchungen im Monat aufweist.

Die hohen Gebühren machen den Schwatz am Bankschalter zu einer teuren Angelegenheit: Wurde noch vor wenigen Jahren das Geld häppchenweise vom Gehaltskonto abgehoben, zwingen die Institute inzwischen ihre Kunden zu Großverfügungen. Am liebsten würden es manche Geldhäuser offenbar sehen – darauf deutet die Gebührenstruktur hin –, wenn die Kunden ihr Gehalt oder ihre Rente in einer Summe abheben würden. Die Lohntüte läßt grüßen. Nicht einmal Einzahlungen auf das hauseigene Sparkonto erscheinen mehr erwünscht. Es gibt inzwischen bereits Sparkassen – die nach ihren Vorschriften den Spargedanken besonders pflegen sollen –, bei denen die Umbuchung auf das mager verzinste Sparbuch ebenfalls mit einer Gebühr belastet ist. Spart mithin eine Rentnerin hundert Mark, werden dafür gleich nochmals fünfzig Pfennig Buchungsgebühr abgezogen. Eigentlich – so könnte man meinen – ist der Minizins von 2,5 bis 3,5 Prozent schon „Strafe“ genug.

Trotzdem klagen die Institute. So beharrt die Kreditwirtschaft auf dem Standpunkt, daß der bargeldlose Zahlungsverkehr jedes Jahr enorme Defizite anhäuft. Dabei fragen sich manche Kunden freilich: Wer verlangt denn an jeder Straßenecke einen Geldausgabeautomaten mit mindestens 120 000 Mark Anschaffungskosten? Wer verlangt, daß die Institute stets Standleitungen zu weit entfernten Zentralen unterhalten, für die die Post sechsstellige Monatsbeiträge abrechnet?

Gegenrechnungen werden in der Kreditwirtschaft ohnehin nicht geduldet. So schlummern bei jedem Institut ständig Millionenbeträge als sogenannter „Bodensatz“ auf den zinslosen Girokonten, die ein cleverer Finanzdisponent bequem zu hohen Zinsen ausleihen kann.

Auffallend auch die Abwicklung des bargeldlosen Zahlungsverkehrs: Schreibt heute ein Institut seinem Kunden einen eingereichten Scheck gut, werden meist drei Tage „Wertstellung“ zum Einreichungstag addiert. Quasi über Nacht erfolgt jedoch die Belastung auf dem Konto des Ausstellers, ein Zinsgewinn ist den Instituten sicher. Umgekehrt geht es jedoch wesentlich langsamer: Überweisungen dauern heute zwischen drei und fünf Arbeitstagen – von einer Buchung über Nacht erscheint man hier weit entfernt. Lohnend wäre dies für die Institute freilich auch nicht, denn eine Überweisung mit fünf Tagen Laufzeit steht den Instituten auch fünf Tage zur Disposition. Milliardenbeträge können so kurzfristig ausgeliehen werden, wächst doch der „Bodensatz“ mit den laufenden Zahlungen.

Auffallend wird das System erst, wenn eine Zahlung zwar schnell durch den Bankenapparat geleitet wird und am nächsten Tage bereits am Empfängerkonto auftaucht, andererseits aber bei der Wertstellung schlichtweg drei Tage zugegeben werden. Begründung der Bank: Normalerweise dauere der Postweg drei Tage, großzügig habe man die eingegangene Zahlung jedoch sofort gutgeschrieben. Zum wahren Künstler bei derartigen Berechnungen hat sich hier die Deutsche Bundespost entwickelt, die – allerdings bei konkurrenzlos günstigen Gebühren – ausgehende Überweisungen zwar schnell in den Bankenapparat oder auf andere Postgirokonten überleitet, für eingehende Überweisungen indes – im Gegensatz übrigens zu den Postsparkassenämtern – ungünstige Annahmetermine für den Datenaustausch vorgibt. Fazit: Überweisungen vom Postgirokonto an eine Bank dauern oft nur zwei Tage, umgekehrt jedoch selten weniger als vier Tage. Auch Auszahlungen am Postschalter werden noch am selben Tag verbucht, Einzahlungen indes frühestens am Folgetag. Und bei Scheckeinreichungen müssen Postgirokunden schon einmal vier Tage warten, bis der „Gelbe Riese“ überhaupt Reaktionen zeigt. Diese Taktik wiegt besonders schwer, weil die Post kurzfristig maximal tausend Mark Sollstand zuläßt, bei Überschreitungen jedoch – selbst wenn sie wertstellungsbedingt sind – gnadenlos Schecks und Lastschriften platzen läßt.