Die ideologische Mühsal der SED mit Weihnachten: Kontrollverlust drohte

Von Peter Schütt

Advent 1985. In Rostock sorgt eine Kabarettszene des Volkstheaters für Heiterkeit und Aufregung. Sie zeigt die Weihnachtsfeier einer mit Orden und Prämien überhäuften Brigade, alle sind betrunken. Im Suff fangen die Helden der sozialistischen Arbeit an zu singen: „Oh du fröhliche, oh du selige...“ Als die fröhlichen Zecher bei der Strophe angelangt sind: „Christ ist erschienen, uns zu versühnen“, klopft der Parteisekretär wütend auf den Tisch. Genossen, brüllt er, das Lied verträgt sich nicht mit unserer wissenschaftlichen Weltanschauung, das ist Opium fürs Volk... Die Brigade überlegt, schließlich setzt sie ihren Hochgesang mit verändertem Text fort: „Lenin ist erschienen, uns zu versühnen. Freue dich, oh freue dich, du Partei!“ Kurz vor dem Fest mußte die Szene aus dem Programm gestrichen werden, angeblich aufgrund von Protesten kirchlicherseits.

Während der bilderstürmerischen Aufbaujahre der DDR dachte Walter Ulbricht allen Ernstes daran, das Fest der Christgeburt gänzlich aus dem roten Kalender zu streichen und die verdächtigen himmlischen Heerscharen, Sankt Nikolaus, das Christkind und den Weihnachtsmann, durch einen einzigen Glücks- und Geschenkebringer zu ersetzen, durch das russische Väterchen Frost. Es sollte die Kinder nicht mehr zum Heiligen Abend, sondern am ideologisch unbelasteten Neujahrsmorgen bescheren. In der erzgebirgischen Spielzeugproduktion wurden statt der Weihnachtsengel „Jahresendflügelpuppen“ hergestellt. Die traditionellen Schwibbogen, die von den Bewohnern jener Gebirgsdörfer zur Adventszeit in die Fenster gestellt wurden, hießen fortan „Triumphbögen“ und sollten den Sieg der Arbeiterklasse symbolisieren. Die Weihnachtspyramiden wurden in „Kerzendrehtürme“ umbenannt und sollten Zeugnis ablegen von der Entfaltung der Produktivkräfte und der schöpferischen Rolle der Arbeiterklasse.

Im Bergbaumuseum des Erzgebirgsstädtchens Schneeberg waren derartige Bemühungen bis in die achtziger Jahre hinein zu besichtigen. Den Gipfel der Religionskritik stellte eine Weihnachtskrippe aus dem 18. Jahrhundert dar. Sie wurde auf einer Tafel als „Volkstümliche Darstellung des bäuerlichen Lebens“ erläutert. Beim genauen Hinsehen war zu entdecken, daß Maria und dem Jesuskind der Heiligenschein und den Heiligen Drei Königen die Krone geraubt worden war.

Rotes Halstuch im Advent

Als das Kuratorium Unteilbares Deutschland und die Bonner Parteien nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 dazu aufriefen, als Zeichen der Verbundenheit zu Weihnachten Kerzen auf die Fensterbänke zu stellen, machte die FDJ im Rahmen ihrer Aktion „Störfreimachung“ überall im Lande Jagd auf brennende Kerzen in den Fenstern und auf nach Westen ausgerichtete Fernsehantennen auf den Dächern.