Von Fritz J. Raddatz

Ein unausgeglichenes, gelegentlich sogar hilfloses Buch; genau dadurch berührt es: Jürgen Fuchs – nach seinem ersten Versuch mit dem Aufsatz "Vier Vorschläge zum Umgang mit der Stasi" (in "Aufbruch in eine andere DDR", herausgegeben von Hubertus Knabe in der Reihe rororo aktuell) – setzt ein zweites Mal an zu der Überlegung, wie man "damit" und "mit denen" fertig wird. Er weiß, im Unterschied zu allerlei Schmollmündchen, wovon er redet: Exmatrikulation, Ausbildungsverbot, Parteiausschluß, Verhaftung aus Havemanns Auto heraus, neun Monate Haft: "Informationssperre, Haft, Isolation ... Das ist natürlich pervers, sadistisch. Ein Teil der Psychofolter. Es gibt sehr viele Varianten. Man muß nicht prügeln."

Man kann das nicht vergessen; soll es nicht. Aber wie verarbeitet man zum Beispiel die Erfahrung, daß im Studentenheim in jedem Zimmer ein Kommilitone Stasi-Mitarbeiter war: Je einer pro Zimmer, das muß man sich mal vorstellen"; die dann bei der obligatorischen Militärausbildung über Nacht als Majoren, Oberleutnants oder Feldwebel sich entpuppten: "Sie hatten Dienstgrade und Weisungsbefugnisse ... Man sitzt also in der Mensa oder in Seminaren, ist gleich, dann das. Man mußte strammstehen vor ihnen." Farce, Tragödie, Schundroman und Satyrspiel in einem Oft verwirrte sich das Netz so, daß keiner wußte, wer war die Spinne und wer die Fliege. Ein Gedicht von Fuchs hält das fest: Kann ich erzählen / Wie es war II Aber das / Läßt sich nicht erzählen II Und wenn / Müßte ich sagen / Was ich verschweige II Zum Beispiel / Daß ich am 17.12.1976 in meiner Zelle saß / Mit dem Rücken zur Tür / Und weinte / Weil ich am Vormittag das Angebot abgelehnt hatte / Mit ihnen zusammenzuarbeiten II Und du weißt / Was es heißt, mit ihnen zusammenzuarbeiten.

In diesem schmalen Buch nun, im wesentlichen Wiedergabe eines Gesprächs mit der Journalistin Ingrid Tourneau, zwirnt Fuchs den Faden noch enger. Endlich schluchzt hier mal einer nicht von der armen "aufgekauften" DDR und ihren von westlichen Kolonialoffizier-Managern gedemütigten Menschen – sondern erinnert an die Millionen Jubler, Fähnchenschwenker und Fackelträger. Unsereins fragt sich ja ohnehin, sieht man nur wenige Monate alte Fernsehaufnahmen: Wo sind die eigentlich alle geblieben, die Mütter, die Herrn Honecker – "vor allem Gesundheit, Genosse Staatsratsvorsitzender" hauchend – ihre Kinder zum Köpfchenstreicheln reichten; die donnernde Resolutionsleserbriefe schreibenden Werktätigen und die strammen Jubel-Maiden: alles Widerstandskämpfer, die nun bei Douglas seufzend 4711 verkaufen?

Jürgen Fuchs spielt weder den Gerechten noch den Selbstgerechten: "Da kommt natürlich auch raus, was die vielfach gar nicht so unschuldige Bevölkerung beigetragen hat zum Wahnsinn. Sie hat eben mitgespitzelt, mitgespielt in einer gewissen Weise." Und was seine Überlegungen, oft nur als Andeutung oder Frage vorgetragen, spannend macht: Er teilt weder ein noch aus; er gibt zu bedenken: "Wir lebten alle in der Nähe zu diesen Menschen, teilweise hätten wir sie selbst sein können." Womit das große Thema "Die Opfer als Täter" angeklungen ist.

Wenn von den Autoren, die einmal die DDR-Literatur formulierten, man etwas erhoffen/erwarten/erbitten darf: dieses Thema weiterzudenken. Anekdötchen über das Knacken in der Leitung bei Erich Honecker sind ja ganz ulkig. Mehr aber nicht. Und warum Autoren aus Graz, Köln oder Basel diesem Thema eventuell nicht gewachsen sein mögen, hat Fuchs gleich mitgedacht: "Der eine war in Griechenland im Urlaub, der andere kommt aus Bautzen zwo. Die treffen aufeinander. Die müssen sich nicht verstehen."