Die Aussichten auf eine Jahresschlußrallye am deutschen Aktienmarkt haben sich seit Beginn dieser Woche drastisch verschlechtert. Schuld daran ist allein der Irak mit seiner Verzögerungstaktik bei der Aufnahme von Gesprächen mit den Vereinigten Staaten. Sie hat dazu geführt, daß große Teile des Berufshandels noch vor dem Weihnachtsfest Kursgewinne realisiert haben. Dadurch fiel der Deutsche Aktienindex (Dax) wieder unter die Marke von 1500 zurück.

Bemerkenswert daran ist, daß sich der Rückgang bei geringen Umsätzen vollzog. Die meisten Marktteilnehmer scheinen sich in diesem Jahr frühzeitig von der Börse verabschiedet zu haben. Daraus schöpfen Optimisten die Hoffnung, daß es doch noch in den wenigen Tagen vor dem Jahresschluß gelingen könnte, einen konzertierten Aufschwung am Aktienmarkt in Szene zu setzen. Viel Geld würde dazu nicht gehören.

Abgesehen von dem Störfaktor Golf ist das Umfeld positiver als es noch vor kurzer Zeit den Anschein hatte. Zur großen Erleichterung der Börsianer ist die Streikgefahr in der Stahlindustrie gebannt, zwar zu einem sehr hohen Preis, wie manche meinen, aber der Schaden durch Arbeitskämpfe wäre noch größer gewesen.

Begrüßt wurde der Entschluß von Thyssen, trotz Gewinnrückgangs die letztgezahlte Dividende von zehn Mark beizubehalten und sogar noch einen Jubiläumsbonus zahlen zu wollen. Dies läßt nach Ansicht vieler Aktienbesitzer auch für die Großchemie hoffen. Ziemlich unbemerkt sind die Kurse von BASF, Bayer und Hoechst in den vergangenen Wochen um rund zwanzig Prozent gestiegen.

Die Kurserholung in der Großchemie hat bei den institutionellen Anlegern, vor allem bei den Investmentfonds, Freude ausgelöst. Sie haben alle in Chemiepapiere investiert; der Kursanstieg trägt deshalb wesentlich zu einer Verbesserung der Portefeuille-Bilanzen bei.

Mit Skepsis wurde in den Börsensälen zunächst das Engagement des Volkswagenwerkes bei Skoda aufgenommen. Es wird befürchtet, daß der VW-Aktionär die hohen Investitionskosten der Wolfsburger mit einer Kapitalerhöhung „bezahlen“ muß. Erleichterung herrschte später allerdings, als der Vorstand versicherte, vorerst keine jungen Aktien ausgeben zu müssen. Auch bei den RWE-Aktionären war der Beifall über den beabsichtigten Erwerb der Vista-Chemical-Company zum Preis von 870 Millionen Mark nur verhalten. Befürchtet wird nämlich, daß die Kaufsumme für das Unternehmen überzogen ist. K. W.