Nein, nichts von Kohl und Lafontaine und Engholm, auch nichts von dem Diktator in Bagdad und den Soldaten in der Wüste oder dem Elend der Völker in der Sowjetunion. Davon sind die Zeitungen voll. Die alte Erzählung soll genügen.

Mit dem Kaiser Augustus und seinem Statthalter Quirinius beginnt sie. Und damit, daß der allmächtige Mann, der sich als Gott verehren ließ, seine Anordnungen trifft. Die werden befolgt bis in die äußersten Ränder des Römischen Reiches. Der Statthalter befolgt sie, und die Untertanen befolgen sie. Ordnung muß sein. Steuern müssen erhoben werden, wofür auch immer. Vielleicht werden sie auch nur Abgaben genannt.

Der Kaiser ist ahnungslos. Ein ahnungsloser Kaiser – wie gefährlich ist das und wie tröstlich zugleich! Was kann er wissen von den Juden bei den Dutzenden von unterworfenen Völkern? Wie kann er wissen von den beiden jungen Leuten, die sich da unter den Tausenden von anderen folgsamen Untertanen aufmachen – ein jeder in seine Stadt? Und was kann er wissen von einem winzigen Kinde, das sein Reich einmal aus den Angeln heben wird? Der Schwächste den Stärksten. Aber: Die Weihnachtsgeschichte beginnt in Rom mit einem kaiserlichen Dekret. Sie geschieht in dieser Welt, in der die Regierenden regieren und die Regierten gehorchen, auch wenn es mühsam und offensichtlich sinnlos ist. Hätten Josef und Maria nicht in Nazareth bleiben und sich dort zur Steuer anmelden können? Nein, wir tun immer folgsam das Sinnlose.

Sie machen sich also auf nach Bethlehem, in die Stadt Davids. Ja, Josef spielt hier noch eine Rolle. Er gehört zu dem alten Geschlecht, das vor Jahrhunderten den großen König hervorbrachte, der doch nur ein kleiner Hirte war und gegen Goliath, den Riesen, gewann. Bald wird er ganz vergessen sein, der arme Josef. Aber hier in den Kindheitsgeschichten Jesu spielt er noch eine Rolle. Er weiß, daß seine Frau schwanger ist. Er hat Sorge, sie ans Ziel zu bringen. Er findet schließlich noch einen armseligen Platz für ihre schwere Stunde. Er wird ihr geholfen haben. Ungeschickt, wie Männer sind, und furchtsam. Aber ohne ihn wäre wohl ein Unglück geschehen. Wir wollen es ihm nicht vergessen.

Geblieben im Gedächtnis ist Maria, die Mutter des Sohnes Gottes. Zu den Altären der römischen Kirche erhoben. Diese Männerkirche hat wenigstens diese eine Frau und lebt noch heute von ihrem Glanze. Die Protestanten, phantasielos wie sie sind, singen ihr keine Lieder.

Die Szene von Jesu Geburt wird in einem einzigen Satz beschrieben. Sie ist über die Jahrhunderte neben der Kreuzigung Jesu zum meistgemalten Bild der Christenheit geworden. Merkwürdig groß ist auf diesen Bildern das Kind Jesus und sehr schön. Als ob es nicht wie alle Neugeborenen wohl eher unansehnlich gewesen wäre. Die Bilder sind ausgeschmückt worden. Im Stall sind Tiere. Ja, sie sind Gott sei Dank von Anfang an dabei. Vater und Mutter und Ochse und Esel und ein Hündchen. Sie sind wahrscheinlich weniger ahnungslos als der Kaiser von Rom. Sie stören nicht.

Unsere Geschichte wechselt dann ohne Überleitung oder weitere Erklärung ihren Ort. Die Felder in der Nähe der kleinen Stadt Bethlehem. Hirten und ihre Herden. Nacht, kalte Nacht. Der Kaiser ganz oben in Rom, diese Leute ganz unten in ihrer Armseligkeit, die letzten in der Kette ihrer Gesellschaft. Ganz einfache Menschen also, Abhängige. Ob ihnen die Herden gehören? Wahrscheinlich doch nicht. Auch sie sind ahnungslos. Sie sind müde und frieren.