Vielleicht verhält es sich mit dem Liberalen Jürgen Möllemann ähnlich wie mit dem Christdemokraten Helmut Kohl: Beide werden immer wieder unterschätzt und pflegen sich am Ende doch durchzusetzen. Beide hat mancher Meinungsmacher belächelt oder sogar zur Witzfigur gestempelt, weil sich der eine recht unbeholfen und der andere recht vorlaut artikulierte. Doch das Beispiel des Bundeskanzlers zeigt, wie irreführend es sein kann, nur nach dem Image eines Politikers zu urteilen.

Freilich gibt es da einen Unterschied zwischen Kohl und Möllemann: Der Kanzler hat sich wenig um sein Bild in der Öffentlichkeit gekümmert, während man dem Kandidaten für das Amt des Bundeswirtschaftsministers vorhalten mag, daß sein Image gerade deshalb schillert, weil er zu sehr daran gebastelt hat. Falls das ein Fehler war, dann ist er nicht gravierend: Möllemann käme als Nachfolger des glücklosen Helmut Haussmann nicht in Frage, wenn er im Bildungsministerium versagt hätte – manch ein Kenner der Materie hält ihn aber für einen der besten Bildungsminister, den die Bundesrepublik je gehabt hat. Jedenfalls spricht es nicht gegen ihn, daß er neben einer kräftigen Erhöhung seines Etats auch viel Geld für die Hochschulen lockermachte und dabei die Länder in die Pflicht zu nehmen wußte.

Allerdings macht ein cleverer Bildungsminister nicht von vornherein einen strategisch denkenden Wirtschaftsminister aus, zumal da der Kandidat in der Ökonomie nicht bewandert ist. Zwar haben das angestammte und das von Möllemann angestrebte Ressort eines gemeinsam: Es sind ziemlich unpopuläre Ministerien der beschränkten Möglichkeiten; was an Befugnissen fehlt, muß durch das politische Können des Chefs und den Sachverstand seiner Beamten ausgeglichen werden. Aber der Wirtschaftsminister ist nur dann erfolgreich, wenn er die Kunst der vertraulichen und vertrauensvollen Einflußnahme hinter den Kulissen so gut beherrscht wie die des Einwirkens auf die Öffentlichkeit. Letzteres kann Möllemann; ersteres müßte er künftig besser pflegen. Ro. W.