Streik lag in der Luft, doch in der siebten Verhandlungsrunde einigten sich die Tarifpartner der Stahlindustrie auf einen Abschluß, der allen Warnungen vor überzogenen Lohnerhöhungen zu spotten scheint. Immerhin beziffert die IG Metall den „Wert“ der Vereinbarung auf rund acht Prozent – weit mehr als das, was Wissenschaftler und Notenbank für vertretbar halten.

Allerdings: Der neue Tarifvertrag bedarf der Interpretation; denn die Rechnung der Gewerkschaft ist wohl ein wenig geschönt. Abgesehen von einer Pauschalzahlung für die Monate November und Dezember von je 275 Mark, steigen die Tarifeinkommen nur um sechs Prozent. Zwar wird zuvor der sogenannte Ecklohn um 23 Pfennig je Stunde angehoben, aber das hat die Gewerkschaft vorher selbst als nicht kostenwirksam bezeichnet, weil diese Aufstockung auf die Effektivlöhne angerechnet werden darf.

Wem die Vereinbarung trotz dieser Einschränkung immer noch unangemessen erscheint, der muß sich an die Vorgeschichte erinnern lassen. Denn der Ende Oktober ausgelaufene und zuvor drei Jahre lang gültige Vertrag brachte den Beschäftigten der Stahlindustrie zwar eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 38 auf 36,5 Stunden, dafür aber nur Lohnerhöhungen in zwei Stufen von jeweils zwei Prozent. Und das in einer Zeit, in der die Stahlkonjunktur boomte.

Die Arbeiter und Angestellten der Stahlindustrie waren in Verzug geraten und von der allgemeinen Lohnentwicklung abgehängt worden, weil ihre Gewerkschaft um jeden Preis die Arbeitszeitverkürzung wollte. Dafür nahm sie eine Laufzeit in Kauf, die gerade wegen der Wende der Stahlkonjunktur zu Spannungen führte. Daß diesmal der Abschluß trotz einer sich verschlechternden Stahlkonjunktur deutlich höher ausfiel und sozusagen als Nebenprodukt auch noch eine weitere Arbeitszeitverkürzung auf 35 Stunden – wenn auch erst zum 1. April 1995 – brachte, zählt zu den Unwägbarkeiten der Tarifpolitik. Das allgemeine Klima ist offensichtlich bedeutsamer als die Ertragslage der jeweiligen Branche. hgk