Bei der Abfertigung am Prager Flughafen verteilt die tschechoslowakische Fluggesellschaft Werbegeschenke und lädt zum Umtrunk an der Bar hinter der Paßkontrolle ein.

Gerade läßt das Pilsener Bier eine wohlige Wärme aufsteigen, als vertraute Bilder über den Fernsehschirm flimmern; Bilder vom Jahr davor: klirrender Frost, Demonstranten auf dem Wenzelsplatz mit Kerzen in der Hand und den Nationalfarben am Revers. "Svobo-da. Svo-bo-da. Frei-heit. Freiheit!" skandierte die Menge.

Von der Tribüne am Letná-Park sprach Václav Havel zu Zehntausenden von Bürgern. Die Prager harrten aus, obwohl die Kälte den Atem in der Luft gefrieren ließ.

Vor fast genau einem Jahr flimmerten dieselben Bilder am Flughafen über denselben Fernsehbildschirm. Hinten in der Halle, wo jetzt amerikanische Zigaretten und amerikanischer Whisky von der neuen Freiheit zeugen, befand sich bloß ein grauer, bedrohlicher Raum. Auf den Straßen und live im Fernsehen wurde schon die Revolution gefeiert.

Doch an der Zollgrenze auf dem Flughafen ließ der Sicherheitsdienst damals niemanden mit einem abgelaufenen Visum herein – schon gar keine Journalisten. So mußte ich die Nacht auf den Sitzplätzen in der großen, mit kaltem Neonlicht ausgestrahlten, zugigen Flughafenhalle verbringen. Erst am nächsten Tag verschaffte mir eine fingierte Einladung doch noch Zutritt zu Prag.

Und nun, ein Jahr später: Prag läßt leise hoffen. Die Bürger in der Tschechoslowakei sind nach der "samtenen Revolution" nicht so entmutigt, so demoralisiert wie ihre Nachbarn in Polen und den anderen Ländern Osteuropas.

Prags Zentrum, der belebte Wenzelsplatz, ist nicht zum Basar geworden wie das Gelände vor dem Warschauer Kulturpalast. Die Prager Taxifahrer verlangen vom westlichen Ausländer weder Devisen noch Phantasiepreise, sondern schalten den Gebührenzähler ein. Die Tschechen stehen nicht mit ihren billigen, noch subventionierten Lebensmitteln in der Stadtmitte von Weiden und Hof, obwohl sie seit Monaten die Grenze zu Deutschland ohne Visum passieren können. Warum?