Gedanken nach dem Besuch der Mitternachtsmesse

Von Slavenka Drakulić

Ich bin das Kind eines jugoslawischen Offiziers und Kommunisten, also war von Anfang an alles klar: Gott existiert nicht. Religion ist Opium fürs Volk. Kirchen sind nichts weiter als Denkmäler der Geschichte und Kultur. Weihnachten oder Ostern wurde bei uns nicht gefeiert. Manchmal kochte meine Mutter an diesen Tagen ein etwas besseres Essen als sonst, buk einen Kuchen, doch der Name der Festtage wurde nie erwähnt, und unseren Baum schmückten wir nicht vor Silvester. Und dennoch erinnere ich mich noch gut, wie es im Eingang unseres Hauses in Split dann plötzlich nach dalmatinischem Gebäck roch, nach Walnußbrötchen, Kabeljausuppe, Zimt und gemahlenem Mohn.

Besonders gern mochte ich die Kuchen, die die Großmutter meiner Freundin Sandra im ersten Stock buk. Sandras Vater war Handelsvertreter, und sie waren die einzigen, die ein Auto und einen Fernseher hatten – das war 1959, als wir von Zadar dorthin gezogen waren –, und wir Kinder aus den Nachbarwohnungen versammelten uns bei ihnen im Wohnzimmer (dem „Salon“, wie sie sagten) und sahen uns das italienische Weihnachtsprogramm an, mampften Mandel- und Vanilleplätzchen, die süße, klebrige Spuren auf unseren Fingern hinterließen.

Unsere Ferien, meine und die meines Bruders, kamen immer ein wenig später, aus Gründen, die für uns im dunkeln lagen. Unsere Geschenke bekamen wir eine Woche nach den übrigen Kindern im Haus, und daran merkten wir, daß wir anders waren. Nie fragten wir nach dem Grund; wir wußten, daß darüber nicht gesprochen werden durfte. So hat es uns unsere Großmutter beigebracht. Wenn sie uns auf Spaziergänge mitnahm, ließ sie uns an der Kirchentür zurück aus Angst, wir würden sie bei unserem Vater „verraten“, wenn wir mit hineingingen. An Ostern aßen wir in ihrem Haus Hefezopf und färbten Eier. „Sagt das aber nicht eurem Papa“, warnte uns Oma immer wieder, als könnte etwas Schreckliches passieren, wenn wir es täten. Heute bin ich mir sicher, daß er unsere verfärbten Hände bemerkt haben muß; die Farbe war so schwer abzuwaschen.

Vor kurzem starb mein Vater und wurde mit allen militärischen Ehren, die einem Offizier und ehemaligen Partisanen gebühren, zur letzten Ruhe gebettet. In der kleinen Küstenstadt, wo er begraben wurde, sollte eigentlich die Kirchenglocke läuten, wie sie es stets bei Beerdigungen tat. Doch für ihn läutete die Glocke nicht – der Gemeindepriester war abwesend, und der Kaplan war sich nicht ganz sicher, ob er es wagen konnte, für einen Armeeoffizier die Glocke zu läuten. Er hätte es tun sollen, sagte der Priester später. Schließlich war der Mann im alten Jugoslawien geboren – er war getauft und hatte die Kommunion empfangen.

Vier Wochen vor seinem Tod hatte mein Vater noch selber seinen Frieden mit der Kirche gemacht und war so dem Staat zuvorgekommen. Er war alt und krank, und der Tod seines Sohnes hatte ihn schwer gezeichnet. Im Angesicht dessen schmolzen für ihn alle Ideologien dahin. Das einzige, was ihn noch interessierte, war, daß die Beerdigung seines Sohnes von einer feierlichen und würdigen Zeremonie begleitet würde. Vielleicht erinnerte ihn diese Vorstellung an seine eigene Kindheit, den Duft des Weihrauchs, das Flackern der Kerzen, den vergoldeten Altar, den Klang der Orgel. Als daher meine Mutter, die nur mit großer Mühe den Mut dazu aufbrachte, ihn fragte, ob mein Bruder ein religiöses Begräbnis erhalten könnte, willigte er ein.