Kopenhagen, im Dezember

Kim Behnke meint, seine Landsleute seien etwas zu hygge – etwas zu bequem. Für den Elektronikberater und finanzpolitischen Sprecher der Fortschrittspartei kann sich Dänemark solche Betulichkeit nicht länger erlauben: "Wir sind immer noch nicht vorbereitet auf Europa."

Doch der agile Jungpolitiker weiß, daß sich die Dänen nicht so schnell aus der Ruhe bringen lassen. "In diesem Land findet nie eine Revolution statt, weil es zu oft regnet", ärgert er sich, "und weil die Zeiten zwischen den Mahlzeiten zu kurz sind."

So wollten denn auch die Wähler in der vergangenen Woche nicht auf die Warnungen der Fortschrittspartei hören. Sie verlor im Folketing vier ihrer sechzehn Mandate. Ihre Sternstunden hatte sie in den siebziger Jahren erlebt, als Parteigründer Mogens Glistrup den Dänen am Fernseher erklärte, wie sie dem Fiskus ein Schnippchen schlagen können. Glistrup kennt inzwischen dänische Gefängnisse von innen. Vor der Wahl hat ihn seine eigene Partei hinausgeekelt. Aber so ganz mögen die Fortschrittler unter dem Vorsitz der früheren Putzfrau Pia Kjaersgaard dem Populismus nicht abschwören. Sie schüren weiterhin die Angst vor einer Ausländerinvasion. Bislang blieb der Kleinstaat von offenem Fremdenhaß verschont. Doch stemmen sich viele Dänen gegen den Bau großer Brücken über die Meerengen, weil sie fürchten, die große Welt werde damit zu dicht an ihr trautes Heim heranrücken.

Die Fortschrittspartei möchte Ausländern die Sozialhilfe verweigern. Behnke meint: "Die Regierung braucht einen kleinen Hund, der nach rechts zieht." Der konservative Ministerpräsident Poul Schlüter dürfte sich auf eine Zusammenarbeit mit den Rechtsradikalen kaum freuen. Pia Kjaersgaard hat betont, die Unterstützung der Fortschrittspartei für Schlüter sei nicht billig zu haben. Zwar ist die Gruppierung allenfalls ein matter Abklatsch der französischen Front National von Le Pen oder der deutschen Republikaner. Für dänische Maßstäbe bleibt sie extrem.

Als Schlüter wegen geringer Differenzen mit den oppositionellen Sozialdemokraten über ein Reformpaket überraschend Neuwahlen anberaumte, rechnete er mit kräftigen Gewinnen für seine bürgerliche Minderheitsregierung. Schon vor der Wahl zeichnete sich aber der Stimmungsumschwung ab. Ein Karikaturist zeichnete in der Berlingske Tidende einen, wie üblich, lachenden Schlüter neben einem Bären mit gebleckten Zähnen: Auch Politiker sollen das Fell nicht verkaufen, bevor der Bär erlegt ist, lautete die hämische Bildunterzeile.

Tatsächlich steckte Schlüters legendärer Optimismus die Dänen diesmal nicht an. Gestärkt ging dafür der Koalitionspartner, die rechtsliberale Venstre, aus der Wahl hervor. Hingegen ziehen sich die Sozialliberalen, die ebenfalls zu den Verlierern zählen, aus dem Kabinett Schlüter zurück. Wählerisch darf der Regierungschef also bei der Suche nach Koalitionspartnern nicht sein. Unter dem Strich ergibt sich keine bürgerliche Mehrheit.