Von Dieter E. Zimmer

Über 21 000 Kultureinrichtungen gab es in der weiland DDR, die zentral gelenkt und alimentiert wurden, vom prächtigen Schauspielhaus am Berliner Gendarmenmarkt bis zu den unscheinbaren Dependancen der Kreisbibliotheken in tiefster Provinz. Ende 1991 werden es sehr viel weniger sein. Alle hängen heute zwischen Sein und Nichtsein.

Beispiel eins: die Musikschule in Potsdam, eine von über 200, an der jeweils etwa 450 Schüler, meist Kinder und Jugendliche, in sechsjährigem, meist individuellem Unterricht an einem Instrument ausgebildet wurden. Träger war der Bezirk, der nun im Land Brandenburg verschwindet. Im Oktober kam die Anweisung: „Abwickeln!“ – der Behördenjargon für die geordnete Auflösung.

Die Räume, in denen der Putz von den feuchten Wänden bröckelt, wurden der Schule gekündigt. Doch ein gellender Aufschrei scheint sie vorerst gerettet zu haben: Das Land will nun ein Drittel zusteuern, ein Drittel will die Schule selber verdienen (bisher waren es nur zehn Prozent) – da will sich die Stadt Potsdam nicht lumpen lassen, für das dritte Drittel aufkommen und sie in ihre Regie nehmen. Ob die eigenen Einnahmen reichen werden, steht allerdings in den Sternen. Die Jahresgebühren wurden von maximal 200 auf 360 Mark angehoben – aber wenn immer mehr Potsdamer arbeitslos werden, wird Musikunterricht für ihre Kinder ein unbezahlbarer Luxus. Die 33 Lehrer (entlassen wurden bisher nur einige Honorarkräfte) unterrichten heute freiwillig doppelt so viele Schüler wie früher. „Aber wenn sie doch nur ‚die Straße‘ vor sich haben, ist diese Motivation völlig dahin. Früher mußten wir uns immer mit dem Staat herumschlagen, der wünschte, daß wir nicht nach dem Talent, sondern nach der sozialen Herkunft gingen. Nach der Wende dachten wir, jetzt werde alles leichter. Und jetzt?“

Beispiel zwei: In einem kleinbürgerlichen Mietshaus in Berlin-Adlershof ist die Wohnung erhalten, in der Anna Seghers von 1955 bis kurz vor ihrem Tod 1983 lebte. Fünf bescheidene Zimmer, solide, schlichte Holzmobel, Kachelöfen, die Wände übervoll mit ihren 10 000 Büchern, so wie sie sie verließ – frequentiert von Literaturstudenten und Professoren, Schülern und Lehrern, vor der Wende auch von den vielen nach Anna Seghers benannten Brigaden.

Der Leiter dieser Gedenkstätte, die ein Außen-Archiv der Ostberliner Akademie der Künste ist, wurde vorzeitig in den Ruhestand geschickt, die Bibliothekarin und die Putzfrau entlassen. Übriggeblieben sind die Archivarin und die Sekretärin. An der ganzen Abteilung „Archive, Bibliotheken, Sammlungen“ hat die Westberliner Akademie der Künste Interesse bekundet. Verständlicherweise, denn sie ist ihr größtes Kapital, will sich die Akademie-Ost nicht von ihr trennen, solange sie noch irgendeine Hoffnung auf ihr Überleben hat. Ob sie überleben kann, ist jedoch mehr als fraglich. Unmittelbare Gefahr, daß die Wohnung aufgelöst wird, besteht nicht. Gleichwohl ist die Zukunft höchst unsicher.

Und nun sei das Fernglas umgedreht. Es geht also um Unfeines, ums Geld, und zwar das aus den Mitteln des Staates, ohne das es „Kultur“ als öffentliche Unternehmung nicht geben kann.