Geschützte Moral

Nicht nur der Hungerwinter und der drohende Zerfall des Vielvölkerstaates beschäftigen die Menschen in der UdSSR: Sie fühlten sich in ihrem Moralempfinden gestört, schrieben Zehntausende von Sowjetbürgern an das Moskauer Kulturministerium. Anlaß ist die Pornographie, die seit Glasnost in ihrem Land boomt. Auf dem Schwarzmarkt werden Pornohefte und -filme zu Höchstpreisen gehandelt; aktueller Verkaufsschlager ist der Streifen „Very Dirty Dancing“. Fortan soll nun ein Komitee für öffentliche Moral über den sowjetischen Sittenkodex wachen. Unter dem Vorsitz von Kulturminister Nikolai Gubenko untersuchen Sachverständige aus der Kulturszene Filme und Literatur auf pornographische Inhalte. Einen neuerlichen Versuch der Zensur fürchtet Gubenko indes nicht: Seine Leute könnten durchaus erotische Kunst von Pornographie unterscheiden, versicherte er.

Kein Klassenprimus

Eine ganzseitige Anzeige in der Times leistete sich die Labour-Partei im Europaparlament, um den Finger auf die Wunde der britischen Bildungspolitik zu legen: Ein hochaufgeschossener Teenager aus dem Königreich sitzt da neben zwei erheblich jüngeren ausländischen Kindern im selben Klassenzimmer. Der Text zitiert eine Studie, die belegt, daß 44 Prozent der Erwachsenen in Britannien ein einfaches Formular nicht verstehen können, 27 Prozent schaffen es nicht, 1,80 Pfund von 5 Pfund zu subtrahieren. Nicht das Unwissen, sondern die Kampagne löste Empörung bei den Engländern aus: Erstens sei auch Einstein in Arithmetik wenig begnadet gewesen. Zweitens gebe es selbst für weniger geschulte Briten einen Hoffnungsschimmer: Bescheidene Zensuren in der Schule hatten John Major nicht gehindert, Premierminister zu werden; sie werden auch der künftigen Königin Lady Di nicht im Wege stehen.

Milde Lüfte

Ali Akbar Rafsandschani, der Staatspräsident des Iran, spricht sich für eine leichtere Befriedigung sexueller Bedürfnisse aus. Er strebt eine Reform der Sigheh-Praxis an, die Ehen auf Zeit zuläßt – von einer Stunde bis zu 99 Jahren. Dies liefe auf eine Legalisierung der Prostitution hinaus. Die orthodoxen Mullahs sind entsetzt und werfen dem Staatspräsidenten vor, einen pornographischen Diskurs zu eröffnen. Wenn die milden Lüfte westlicher Libertinage selbst um iranische Staatsspitzen säuseln, mit welchen Sturmstärken hat man es dann erst in den Straßen und Gassen Teherans zu tun? Salman Rushdie, dem immer noch das Blasphemie-Verdikt und der Mordbefehl des islamischen Fundamentalismus gilt, mag etwas Hoffnung schöpfen. Vielleicht kommen die Häscher nicht über Soho hinaus.