Von Cornelia Filter

Ein Kollege um die dreißig sagt: „4711 – das ist für mich eine alte Dame in einer überfüllten Straßenbahn.“ Seine erheblich jüngere Freundin rümpft die Nase und äußert sich nicht. Meine Mutter hingegen bekommt leuchtende Augen bei dem Wort, das eigentlich eine Zahl ist, und erinnert sich dankbar: „Es war nach dem Krieg das einzige Parfüm, das wir uns leisten konnten.“ Eine Freundin verzieht angewidert den Mund. „Als ich die Windpocken hatte“, eröffnet sie mir und schüttelt sich, „betupfte man mein Gesicht damit. Ich werde diesen Geruch niemals vergessen, diese Mischung aus Fäulnis und Frische.“

Eine andere Freundin denkt bei der „Zahl der Welt“, wie es früher einmal in der Werbung hieß, an Goethes „Faust“ und den sprichwörtlichen Hilferuf Gretchens, das – angesichts des bösen Geistes in eine Ohnmacht sinkend – nach dem letzten Rettungsanker für solche Notfälle griff: „Nachbarin! Euer Fläschchen!“

Und wirklich: Goethe hatte vermutlich 4711 im Sinn (und in der Nase), als er diese Szene niederschrieb. Im Archiv des Familienunternehmens Ferdinand Mülhens, das seit fast 200 Jahren die „Stimulans aus der Glockengasse“ braut, hängt ein Brief des Dichters vom 9. Mai 1802 an der Wand. Darin bittet Goethe seinen Kölner Freund, den Maler Hoffmann, „ein Kästchen mit sechs Gläsern Eau de Cologne“ im Postwagen nach Weimar zu schicken. Dort sei „dies wohlriechende Wasser... zur Zeit schwer zu haben“. 4711 – schon der Geheimrat hatte es „immer dabei“, auch wenn es sich damals noch schlicht „Acht Kölnisch Wasser“ nannte.

Sogar Korporal Dupont soll es bei sich getragen haben, als er im Jahr 1794 mit schwungvollem Strich die berühmte Nummer an das Mülhenssche Haus in der Kölner Glockengasse malte. Er und seine Kameraden aus der französischen Revolutionsarmee, welche die seinerzeit länglich-schmale Rosole angeblich in ihren Messerschäften verwahrten, fanden sich in dem Gassenwirrwarr rund um den Dom nicht zurecht, taten sich schwer mit Straßennamen wie Perlenpfuhl, Marspforten und Thürmchenswall und numerierten darum die Häuser.

Für mich ist die Hausnummer, die zum Markenzeichen wurde, unauflöslich mit Weihnachten verbunden. Und das nicht nur, weil die Flasche mit dem prunkvollen, türkis-goldenen Etikett so gut unter den Tannenbaum paßt, sondern vor allem wegen der Fernsehwerbung, die seit 1956 alle Jahre wieder im Dezember über die deutschen Bildschirme flimmert. Ende der fünfziger Jahre, als die Spots noch billig waren, schaffte es ein Kinderchor, alle Strophen eines Weihnachtslieds zu singen. Später dann wurde der Chor durch stimmungsvolle Szenen mit reichlich Schnee und Kerzenschein ersetzt, die zuerst sechzig und schließlich nur noch dreißig Sekunden dauerten.

Doch, ob lang oder kurz: Wenn der Nikolaus in dem tief verschneiten, festlich beleuchteten Haus die große 4711-Familienflasche für die Erwachsenen auspackte und danach die Minis für den Kinderkaufmannsladen, wußte ich: Es ist die Zeit, den Wunschzettel zu schreiben.