Von Reiner Jüngst

Unscheinbar lag das Kästchen in der Glasvitrine, zwischen Radioweckern und Taschenrechnern. 16 000 Bit, hatte die Verkäuferin gemeint, damit könne er seine Termine von 1901 bis 2099 speichern. Zurück in der Stille des Arbeitszimmers will der Zeitreisende den Versuch wagen. Er klappt den kleinen schwarzen Kasten auf.

Unter Zahlen, Buchstaben und Zeichen versteckt, muß der Schlüssel liegen, mit dem er an den Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gelangt. Der Zeitreisende atmet tief durch. Seine Finger zittern, als er behutsam 1-9-0-1 drückt. Month? fragen die flüssigen Kristalle im Anzeigefeld. J-an-u-a-r tippt er nun. 1. Januar 1901 bestätigen die Kristalle: Dienstag.

Reichskanzler von Bülow wird an jenem Tag später aufgestanden sein, auch August Bebel, der Oppositionsführer. Beide ahnen nicht, daß ein zehnjähriger Realschüler in Leonding bei Linz davon träumt, Geschichte zu machen. Auf der Berliner Friedrichstraße sind Pferdekutschen das größte Problem im Berufsverkehr. Das Panoptikum bietet koloniale Exotik. „35 Togoneger, 28 Mädchen, 5 Männer, 2 Kinder“. In der Schweiz brütet ein junger Wissenschaftler noch über Formeln, die er 1905 als Relativitätstheorie veröffentlichen wird. Der Zeitreisende schmunzelt.

Seufzend drückt er eine Taste mit Pfeil. Die Ziffern wandern über das Anzeigefeld. In Sekundenbruchteilen ist das Jahrzehnt vorbei. August 1914 zeigen die Kristalle an, als der Zeitreisende innehält. Der 1. ist ein Samstag, es muß ein schönes Sommerwochenende gewesen sein. Platzkonzerte mit schneidiger Militärmusik und druckfrische Anschläge an den Litfaßsäulen. „Seine Majestät der Kaiser und König hat die allgemeine Mobilmachung angeordnet. Erster Mobilmachungstag ist der zweite August.“ Das letzte Wochenende zu Hause, aber Weihnachten würde man zurück sein. „Ausflug zum Boulevard“ schrieb man auf die Züge zur Front. Am nächsten Tag haben die Zeitungen Schlagzeilen wie „Deutsches Volk, steh auf“ oder „Kriegserklärung an Rußland“. – „Nun denn, sie mögen ihn haben den Krieg. Wir haben ihn nicht gewollt, bei Gott nicht“, schreibt eine. Aber wer liest an jenem Sonntag morgen die Zeitung? Es gilt, rechtzeitig an der Sammelstelle zu sein.

Die Kristalle zucken. Marne, Tannenberg, Verdun, dann nichts Neues mehr im Westen. Der Zeitreisende hält inne, November 1918. Der 9. ist ein Samstag. Es regnet nicht, als mittags am Reichstag die Hüte in die Luft fliegen. Scheidemann ruft durchs Fenster die Republik aus. Aber die Ereignisse überschlagen sich. Am Sonntag abend sitzt Fraktionskollege Ebert sorgenvoll in der Reichskanzlei. Das Telephon klingelt, auf der Geheimleitung ist ein Ferngespräch aus Spa. In jener Nacht schläft der Reichskanzler ruhiger. Am Montag unterschreibt Erzberger im Eisenbahnwaggon, in Köln beginnt der Karneval. Die Kristalle im kleinen Kasten springen über Versailles, Inflation, Putsche und Straßenschlachten. Der „Schwarze Freitag“ blitzt kurz auf, seine Folgen hängen drohend über 1930-31-32. Wieder Winter, der 30. Januar 1933 ist ein Montag. Am Wochenende ist hektisch verhandelt, intrigiert und erpreßt worden. Der Realschüler aus Linz ist jetzt Reichskanzler. Er trägt an jenem Vormittag im Kabinett einen dunklen Anzug. Abends gehen Reportagen vom Fackelzug über alle Radiosender.

Der Zeitreisende sieht aus dem Fenster. Alles bleibt grau, kein Vorbeiblitzen von Tag und Nacht. Die Zeit rast nur im kleinen Kasten Tor ihm. Es brennt, es wird marschiert, 1939 blickt kurz, 1941, 1942. Bomben fallen, Flüchtlingstrecks ziehen, Menschen werden in Lagern vernichtet. Endlich 1945, wieder im Sommer. Der 6. August ist ein Montag, Deutschland schläft noch. In Hiroshima beginnt der morgendliche Berufsverkehr. Der Zeitreisende notiert: 8.12 Uhr, Feuerball, Beginn der neuen Zeit. Die Ziffern schwinden in den Tiefen des elektronischen Speichers.