Der Zentralstaat befindet sich in voller Auflösung – Eindrücke aus Moskau

Von Marion Gräfin Dönhoff

Moskau, im Dezember

Auf der Reise nach Moskau traf mich schon auf dem Flughafen in Düsseldorf der erste Schock. Ich wollte zehn Mark in Rubel wechseln, um, falls mit der Abholung etwas schiefgehen sollte, Geld für Telephon, Bus, Gepäckträger zur Verfügung zu haben.

„Was ist der Kurs?“ fragte ich am Bankschalter. „Neunzehn Pfennig für einen Rubel.“ – „Wie bitte?“ Schon etwas ärgerlicher: „Ich sagte doch: Ein Rubel kostet neunzehn Pfennig.“ Ich konnte es einfach nicht glauben. Noch im September des Vorjahres mußte ich drei Mark für einen Rubel zahlen – das ist seit Jahren der offizielle Kurs gewesen.

Auf dem Flugplatz in Moskau bekam ich im VIP-Warteraum eine Tasse Kaffee serviert. „Kann ich etwas Milch dazu bekommen?“ – „Milch? Ja, wissen Sie denn nicht, daß das an Moskau angrenzende Gebiet verboten hat, Milch in die Hauptstadt ,auszuführen‘?“ In der Tat macht jede Republik, jedes Gebiet, was ihr oder ihm gerade einfällt: verbietet Lieferungen an die Zentrale, die verabredet waren, tätigt statt dessen Tauschgeschäfte mit anderen Republiken, erklärt sich für souverän, plant eine eigene Währung, Jelzins Republik sogar eine eigene Außenpolitik ...

Auf dem Weg zum Hotel machte ich Pläne mit dem Vertreter von Nowosti, der mich freundlicherweise abholte. „Nein, Sie brauchen sich morgen nicht zu bemühen, ich nehme mir einfach ein Taxi.“ – „Das geht gar nicht, es gibt nämlich keine Taxis.“ Eine Großstadt ohne Taxis, das, dachte ich, kann doch nicht wahr sein. Aber der Mann hatte recht. Es gibt tatsächlich keine Taxis. Wenn man wirklich einmal unterwegs einem begegnen sollte, dann muß man, so erklärte ein Freund, mit einer Fünf-Dollar-Note oder mit einem Päckchen Marlboro winken, sonst hält der Fahrer gar nicht erst an.