Von Markus Schär

Einsam flattert die Schweizerfahne im Wind. Kein Mensch stört die Ruhe auf der verschneiten Wiese; still dampft der Miststock vor dem Stall, nur eine Kuh muht. Eine günstige Gelegenheit also zu beherzigen, was mein Wanderführer gebietet: „Wir verharren einen Moment in andächtiger Erinnerung an die Gründer der Eidgenossenschaft.“

Die befohlene Andacht fällt auch dem historisch besser Informierten nicht schwer. Die Brise läßt den Urner See frösteln, ein paar Möwen gaukeln im Wind, und jenseits des Wassers stehen die Mythen im Sonnenlicht: Als 34jähriger Schweizer Bürger besuche ich erstmals die Wiege meines Staates, wo gemäß Friedrich Schiller am 8. November 1307 die Eidgenossen ihren Bund beschworen, wo am 25. Juli 1940 General Henri Guisan dem auf einem einzigen Schiff ohne Fliegerdeckung herbeigeführten Offizierskorps den Widerstandswillen befahl und wo alljährlich am ersten Mittwoch im November das Rütlischießen knallt.

„Weder Fest- noch Rummelplatz“ sei die angebliche Geburtsstätte der Eidgenossenschaft, belehrt mich ein rostroter, durchaus übersehbarer Anschlag an der Stalltür. Die Rütli-Kommission rate deshalb „ganz allgemein zu größter Vorsicht“ und wache darüber, „daß angemessene Ruhe und Ordnung herrsche“, mahnt er weiter. „Froher Gesang erfreut die Besucher, Lärm, Radiomusik und unschickliche Kleidung aber stören.“

Das dürfte sich 1991 kaum durchsetzen lassen. Denn zur Feier des 1. Augusts bittet der Kanton Uri Kinder aus allen Schweizer Gemeinden aufs Rütli; am selben Tag will der hitparadenstürmende Dialektsänger Polo Hofer mit seiner „Schmetterband“ auf der Wiese rocken, und nur die Empörung einer Luzerner Parlamentarierin sorgte dafür, daß die Kartenspieler aller Länder das Finale der „Jassweltmeisterschaft“ nicht auf der geweihten Stätte, sondern im nahen Seelisberg bestreiten. Vor allem aber beginnt bei der Wirtschaft, deren Türschild die „Eidgenossen Gott zum Gruss“ willkommen heißt, der „Weg der Schweiz“ um den Urner See, auf dem Schweizerinnen und Schweizer, aber auch eidgenössisch gesinnte Ausländer die 700jährige Geschichte des Landes erleben und erleiden sollen.

Weshalb aber all die Festivitäten im Jahr 1991, weshalb die 700-Jahr-Feiern, mögen fremde Fötzel fragen, wenn doch gemäß dem Schweizer Nationalepos des Schwaben Friedrich Schiller die Ratifizierung des Rütlibundes am 8. November 1307 stattfand? Die Antwort ist einfach: Der deutsche Dichter, der das stille Gestade am See nie mit eigenen Augen sah, war schlecht informiert – fast so schlecht wie ein beliebiger Mann am Weg, den wir nach dem Geburtsdatum der Eidgenossenschaft fragen würden.

Den 1. August 1291 gäbe er wohl an, falls er eine Antwort wüßte; dieses Datum jedoch ist, wie der Verantwortliche für all die Feierlichkeiten kühl zugibt, „fiktiv“. „Ich glaube aber auch“, bekennt Marco Solari, der fürstlich bezahlte Delegierte des Bundesrates für die 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft, „daß Mythen zum kollektiven Bewußtsein gehören und daß der Kern zum Mythos Schweiz wie auch zur realen Eidgenossenschaft in jener Zeit gelegt wurde, aus der der Bundesbrief datiert. Es ist deshalb gerechtfertigt, 1991 zu einem besonderen Jahr zu erklären.“ Lassen wir ihn also vorerst in seinem Glauben und machen wir uns auf den weiten Weg: Beginnen wir mit dem steilen Aufstieg der Schweiz.