Von Gabriele Venzky

Kasur ist eine unbedeutende Kreisstadt ganz im Osten Pakistans. Der Ort an der Grenze zu Indien ist eigentlich nur für zweierlei bekannt: für seine vielen Schmuggler und Arbeitslosen. Vor einem kleinen, unverputzten Backsteinwürfel, den er stolz sein Haus nennt, sitzt Abdul Majeed und ringt die Hände: „Was soll nur aus uns werden?“, fragt er verzweifelt.

Shamshul Islam aus dem stinkenden Slum neben der Straße, die von der Hauptstadt Bangladeschs hinaus zum Flughafen von Dhaka führt, geht es nicht besser: „Gott hat es so gewollt“, meint er hoffnungslos. Und V.P. George, der auf seinem prächtigen neubarocken Sofa in seinem nicht minder prächtigen Haus im südindischen Thiruvananthapuram unbehaglich herumrutscht, klagt erbittert: „Sie haben mir alles gestohlen, wofür ich mein ganzes Leben gearbeitet habe.“

Abdul, der pakistanische Elektriker, Shamshul, der bangladeschische Straßenkehrer und V.P. George aus Kerala, der nunmehr arbeitslose Bürovorsteher einer Ölfirma, haben eines gemeinsam: Sie sind aus Kuwait in ihre Heimat geflüchtet und mußten ihre gesamte Habe zurücklassen. Unter den zehn Staaten, die von der Weltbank als die von der Golfkrise am meisten betroffenen Länder bezeichnet werden, befinden sich alle vier großen Staaten Südasiens: Indien, Pakistan, Bangladesch und Sri Lanka. Neben Ägypten stellten sie das Hauptkontingent der Gastarbeiter in Kuwait und im Irak. Es war eine halbe Million Menschen. Ihre Heimatländer lebten von ihren Lohnüberweisungen, denn jeder Gastarbeiter ernährt im Durchschnitt sieben Familienangehörige. Ihre harten Dinare und Dollar besserten die Devisenkassen der Staaten auf.

Viele Milliarden Dollar kostet die Golfkrise die bankrotten Staaten Südasiens. Die gestiegenen Ölpreise reißen riesige Löcher in die ohnehin schon defizitären Zahlungsbilanzen. Und die Wachstumsraten, die wie in Indien und Sri Lanka in jüngster Zeit überdurchschnittlich gestiegen waren, schrumpfen nun wieder gegen null, weil wichtige Märkte verlorengehen. Die Lebenshaltungskosten steigen indes weiter; in Pakistan rechnet man mit plus dreißig Prozent. Die Folge: Das ohnehin schon magere Realeinkommen schrumpft, während die politische Unruhe steigt. Der Aufstand der Arbeitslosen und Hungrigen, so wie ihn Sri Lanka bereits erlebt hat, droht auch anderswo zur Realität zu werden. Die wirtschaftlichen Turbulenzen verstärken das politische Chaos.

Dennoch ist Südasien derzeit für den Westen in der Regel nicht mehr wert als eine Fußnote. Wen kümmert es schon, daß am Golf nach wie vor Tausende mittelloser srilankischer Dienstmädchen festsitzen, versteckt in den aufgebrochenen Häusern ihrer geflohenen Arbeitgeber, und sich vor einer Vergewaltigung fürchten. Wen kümmert es schon, daß der pakistanische Elektriker Abdul Majeed und mit ihm zehntausend andere nun wohl in die Leibeigenschaft wandern werden, weil er seinen Job-Vermittlern noch 10 000 Rupien schuldet, eine Summe, die er nie und nimmer in Kasur verdienen kann. Und wen kümmert es schon, daß V.P. George den Verdienst von 25 Jahren Arbeit im Golf verloren hat, weil er ihn unvorsichtigerweise in kuwaitischen Banken deponierte. Nun versucht er, sein Haus in Thiruvananthapuram zu verkaufen. Aber die Preise dort sind ins Bodenlose gefallen, denn Hausverkäufer gibt es jetzt viele hier.

Der Distrikt Pathanamthitta im südindischen Kerala, in dem Georges Ort liegt, wird aucl der „kleine Golf“ genannt. Viele neue Häuser stehen hier, nagelneue Taxis und Auto-Rikschas, keine, noch nicht lange existierende Läden, ein reichhaltiges Warenangebot. Alles das deutet auf einer gewissen Wohlstand hin, denn hier gibt es kaum eine Familie, die nicht mindestens ein Mitglied am Persischen Golf hatte. Mehr als 500 Millionen Mark in Gold und harten Devisen schickten sie jährlich nach Hause. Davon lebte praktisch der gesamte Unionsstaat; 80 Prozent der Krankenschwestern in Kuwait, 35 Prozent der Ärzte, 50 Prozent der Bankangestellten und 90 Prozent der Beschäftigten im Dienstleistungsgewerbe kamen aus Kerala.