Das Jahr der deutschen Einheit: Niemand konnte im Januar ahnen, daß zwölf Monate später von der „ehemaligen DDR“ und von den „fünf neuen Bundesländern“ die Rede sein würde. Anfang 1990 wurde – ziemlich weltfremd, wie sich herausstellen sollte – noch über einen Dritten Weg für die DDR diskutiert; Bundeswirtschaftsminister Helmut Haussmann hatte gerade seinen Drei-Stufen-Plan zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit der DDR vorgelegt. Als am 25. Januar Ost-Berlin ein Gesetz über Jointventures verabschiedete, begrüßte Haussmann den Beschluß „als einen wichtigen Schritt in Richtung marktwirtschaftlicher Betätigung“.

Jetzt tauchte der Begriff „deutsch-deutsche Währungsunion“ in der Diskussion auf. In der ZEIT vom 19. Januar machte die SPD-Finanzexpertin Ingrid Matthäus-Maier erstmals den Vorschlag, die Ost-Mark durch die D-Mark zu ersetzen: „Eine Währungsunion mit der D-Mark wäre für die Bürger in der DDR ein einsichtiges und überzeugendes Signal für eine rasche wirtschaftliche Besserung, das sie zum Bleiben in ihrer Heimat veranlassen könnte.“

Bundeskanzler Helmut Kohl fand Gefallen an der Idee, die den gängigen Vorstellungen zuwiderlief. Am 9. Februar schrieb der Sachverständigenrat an den Kanzler: „Mit Besorgnis verfolgt der Sachverständigenrat die jüngsten Überlegungen, die auf die baldige Einführung einer Währungsunion mit der DDR hindrängen... Es ist wohl unvermeidlich, daß die Einführung der D-Mark bei den Bürgern der DDR die Illusion erwecken muß, mit der Währungsunion sei auch der Anschluß an den Lebensstandard der Bundesrepublik hergestellt.“

Unbeeindruckt von der Meinung von Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl, die Übernahme der West-Mark sei „verfrüht“, unterbreitete Bonn am 13. Februar der Regierung von Hans Modrow offiziell „das Angebot, ein gemeinsames Wirtschafts- und Währungsgebiet zu schaffen“. Kohl beim Bonn-Besuch des DDR-Ministerpräsidenten: „Ich bleibe bei meiner These, daß die Wirtschaftshilfe, die wir überhaupt geben können, auch im Hinblick darauf, daß die Menschen in der DDR bleiben, die wirklich schnelle Verwirklichung der Währungsunion und Wirtschaftsgemeinschaft ist.“

Die Bundesregierung schaltete auf Beschleunigung. Am 3. März dozierte Helmut Haussmann: „Die DDR sollte ohne lange Vorbereitungsphase und ohne marktwirtschaftliches Aufwärmtraining den Sprung in das kalte Wasser der Marktwirtschaft riskieren.“ Daß das Abenteuer die Bundesbürger einiges kosten würde, wurde allmählich klar. Doch es galt die Devise, die Finanzminster Theo Waigel ausgegeben hatte: „Wir können ein solches Projekt im Grunde mit dem Wirtschaftswachstum des nächsten Jahres finanzieren.“

Am 4. April beschloß das Kabinett steueiliche Erleichterungen bei Investitionen in der DDR, am 8. Mai unterzeichneten Waigel und sein Ostberliner Kollege Walter Romberg den Vertrag über die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion. „Dies ist eine historische Stunde“, sagte Kohl und fügte hinzu: „Unseren Landsleuten in der DDR eröffnet sich – nach einer sicherlich nicht einfachen Zeit des Übergangs – die Chance auf eine rasche, durchgreifende Besserung ihrer Lebensbedingungen.“

Zunächst aber wuchs die Verunsicherung Bonn setzte darauf, daß die westdeutschen Unternehmen – allen voran der Mittelstand – sich massiv in der DDR engagieren würden. Doch am 12. Juni machte Haussmann vor dem Bundesverband der Deutschen Industrie seiner Frustration Luft: „Mit Sorge beobachte ich, wie die anfängliche Bereitschaft, mutige Investitionsentscheidungen zugunsten von neuen modernen Arbeitsplätzen in der DDR zu treffen, nachläßt. Die kleinlichen Bedenkenträger, Subventionsjäger und die buchhalterischen Kostenrechner scheinen überall wieder Oberwasser zu bekommen.“ Langsam wurde auch klar, daß die DDR-Wirtschaft in einem weit desolateren Zustand war, als die Fachleute geglaubt hatten.