Schliersee

Skivergnügen wie aus dem Bilderbuch: Jugendliche Ski-Cracks brettern die Steilhänge hinunter, Skikursteilnehmer mittleren Alters fahren vorsichtige Bögen um die sanfteren Buckel. Kinder klemmen sich die Skistocke unter die Achseln und lassen es auf den letzten paar hundert flachen Metern am Fuß des Stumpfling „kracha“, wie Schußfahren auf bayerisch heißt.

Seine familienfreundliche Physiognomie hat den Stümpfling, einen rund 1500 Meter hohen Berg im Spitzinggebiet über dem oberbayerischen Schliersee, zum Hausberg der Münchner gemacht. Die Lyra-Abfahrt, wie der Haupthang heißt, ist eine der meistbefahrenen und traditionsreichsten Pisten in der ganzen Bundesrepublik. Doch das Skigluck ist in Gefahr.

Zwei Bauern, denen ein 500 Meter langes Teilstück der Lyra-Abfahrt gehört, erwägen, sich den Skifahrern gewissermaßen in den Weg zu stellen. Per einstweilige Verfügung, so ihr Plan, konnten sie verbieten lassen, daß weiter Pistenraupen auf ihrem Grundstück umherfahren. Und wenn die den Schnee nicht mehr bändigen dürfen, dann können die Skifahrer nicht mehr die Lyra-Abfahrt hinuntersausen, und dann ist es aus mit dem Skispaß am Stümpfling.

Der Plan der beiden Bauern ist eine Art Revanche auf das Verhalten der Stümpflingbahn GmbH. Die private Liftgesellschaft karrt jede Saison mehr als 300 000 Winterfrischler zum Stümpfling-Haus hinauf – bisher, ohne den Schaden, den sie damit anrichtet, wieder auszugleichen. Denn die Menschenmassen müssen auf ihrem Rückweg vom Gipfel ins Tal über die Lyra-Abfahrt. Dabei fräsen sie mit den Stahlkanten ihrer Ski Grashalme und -wurzeln ab, die in den schneearmen Wintern der vergangenen Jahre ungeschützt dastanden. Wie es auf seiner Alm aussieht, wenn der Schnee im Frühjahr geschmolzen ist, beschreibt Grundstückseigentümer Josef Markhauser so: „Da is ois schwarz, da is nur no Dreck.“

Unerträglich deshalb, weil die Skifahrer dem Bauern und seinem Nachbarn, dem Leitner Franz, buchstäblich die Existenz weghobeln: Die verletzte Grasnarbe wird von Jahr zu Jahr dünner. Die Halme wachsen immer später und immer spärlicher, das heißt, die Zeit, die das Vieh auf der Alm verbringt (sprich: keine Futterkosten verursacht), wird immer kürzer. Eine weitere Schadensquelle: Der durch den Skibetrieb stark verdichtete Boden versauert, weil nicht mehr genug Sauerstoff ins Erdreich gelangen kann. Diese Flächen fallen für die Bewirtschaftung aus, denn „a sauers Gras frißt des Vieh nei“, weiß Josef Markhauser. Für ihn und den Kollegen Leitner bedeutet das, daß es sich in ein paar Jahren für sie möglicherweise gar nicht mehr lohnt, ihre Kuhe auf die Alm hinaufzutreiben.

So weit mögen die beiden aber noch gar nicht denken. Sie probieren es erst einmal mit einer Machtprobe mit der Liftgesellschaft. Am Morgen des 9. Novembers rückte auf der Alm der Bauern Markhauser und Leitner ein Bautrupp an, um die Weidezäune um das Grundstuck der beiden abzureißen. Die hatten die Eigentümer in diesem Jahr nicht wie sonst nach dem Sommer weggeschafft, sondern stehengelassen, um der Stümpflingbahn zu demonstrieren: „Wenn mir nimmer mög’n, dann könnt’s ihr euern Lift zusperren.“