Von Robin Detje

Es war einmal ein Autor. Durch Enthüllungen und Skandale, Rücktritte und Prozesse wurde er weltberühmt. Seine Enthüllungen verpackte er in Theaterstücke. Sie wurden allerorten wütend verrissen, denn es waren schlechte Theaterstücke. Auch als ihm der Stoff für weltbewegende Enthüllungen ausging, hörte unser Autor nicht auf, Theaterstücke zu schreiben. In dramatischen Szenen enthüllte er uns die Gefahren der Schocklungenbehandlung. Und wo immer er auftrat, warb er für explosive, aktuelle, kritische Gegenwartsstücke – so wie seine eigenen zum Beispiel.

Es war einmal ein Theaterfürst. 1979 plagte ihn öffentlich das schlechte Gewissen, weil an seinem Hof zu Bochum kein Stück jenes Autors auf dem Spielplan stand. Der Autor schrieb zwar schlechte Theaterstücke, aber er war doch ohne Zweifel rechten Glaubens, irgendwie. Und die siebziger Jahre waren, wenn wir uns recht erinnern, geprägt von verlogener Solidarität und preußisch-protestantischer Gesinnungspflicht. Da kam es auf Qualität nicht so an, wenn die Moral nur stimmte.

Letzte Woche suchten den Theaterfürsten, inzwischen zum König von Burgtheaterland befördert, die Geister seines schlechten Gewissens heim. Schon vorher hatte Claus Peymann in Wien ein altes Werk des Autors spielen lassen. Rolf Hochhuths neues Stück „Sommer 14“ aber hat Peymann von Anfang an „großzügig mitfinanziert“. Ein Geschichtspanorama ist das, durchweht von zeitlosem (und scheppernd verlautbartem) Pazifismus, aber eigentlich nicht zu aktualisieren. Schon vor über einem Jahr ist die Buchausgabe des Stücks erschienen – und noch immer kein Skandal in Sicht. Verhandelt wird die Schuld am ersten Weltkrieg. Robert David MacDonald hat im Akademietheater die Uraufführung inszeniert. Es war fürchterlich.

In „Sommer 14“ treten auf: der Tod, der Kaiser von Österreich, der Kaiser von Deutschland, der König von England, Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg, die Chefredakteure Dr. Theodor Wolff (Berliner Tageblatt) und Joseph Calmette (Figaro), Winston Churchill, Winston Churchills Mutter, Großadmiral Alfred von Tirpitz, Generalfeldmarschall Graf Helmuth von Moltke, Jean Jaurès, Großfürst Nikolai Nikolajewitsch, Wladimir Giesl von Gieslingen und viele andere. Und die Schauspieler sehen ihren historischen Vorbildern alle verdammt ähnlich; das scheint in dieser Aufführung besonders wichtig zu sein. Wer will, kann sich in der Portrait-Galerie des Programmhefts davon überzeugen, wie gut die Maskenbildner gearbeitet haben. Auf der Bühne wird ein wahres Fest der falschen Glatzen gefeiert, eine Modenschau der Klebebärte.

Und alle sprechen ständig historisch belegte Sätze. In seinen Regieanweisungen und Anmerkungen wird Rolf Hochhuth nicht müde, uns darauf hinzuweisen. Die Dialoge erscheinen in der Buchausgabe nur noch sporadisch zwischen Hochhuths Zwischentexten, und fast jede Anmerkung des Autors ist eine Entschuldigung: Es sind ja nicht seine Worte, die die Figuren da von sich geben – es sind ihre eigenen, ganz bestimmt!

Auf Seite 181 entschuldigt Hochhuth sich dafür, daß Wilhelm II. so vernünftig daherredet: Daß der deutsche Kaiser „vernünftigen Gedanken sehr oft zugänglich war“, sei durchaus „vielen aufgefallen“, nicht bloß ihm. Etwas selber zu erfinden, ein paar Sätze, eine Situation, traut Hochhuth sich diesmal nur selten zu.