Wer sich darüber wundert, daß die großen Kirchen in Deutschland immer weniger Gläubige, aber immer mehr Geld haben, daß sie jetzt ihr bequemes und vergoldetes Kirchensteuerrecht mit den Inkassopflichten des Staates auch auf Ostdeutschland ausdehnen konnten – der kann jetzt ein sehr entschieden geschriebenes, fast höhnisches Buch in die Hand nehmen, das der katholischen und evangelischen Kirche die Absurditäten ihrer fetten Existenz lückenlos vorhält und gleichzeitig ein großes Fragezeichen über der Lammfrommheit der Deutschen macht, über ihrer skurrilen und bigotten Zahlungswilligkeit, ihrem Mangel an demokratischem, kritischem Verständnis und vor allem über ihrem fehlenden Änderungswillen. Dieses Buch von einem der wenigen Kämpfer in unserem Land gegen die Auswüchse der Kirchen und der Geneigtheit des Staates zeigt uns als serviles und unerklärlich törichtes Ausnahmevolk in der Welt, das sich trotz prinzipieller Trennung von Staat und Kirche fest ans fromme Bändel nehmen und unentwegt Weihrauch in die Augen streuen läßt – ganz anders als etwa die katholischen Länder Frankreich, Spanien und auch Italien, die sich dem geldpressenden Griff der Kirche längst entwunden haben.

Es ist ein verdammt munteres Buch, und es macht selbst denjenigen munter, der sich von der Kirche abgewandt hat und dem die Eskapaden des Papstes über Pille, Kondome und Apotheker nur noch ein resigniertes Lächeln entlocken. Denn hier erfährt er, daß es ein gewaltiger Irrtum war, als er nach dem Kirchenaustritt dachte, er würde den frommen Verbund nun nicht mehr mitfinanzieren: Das tut er eben doch, und zwar ausgiebig über seine ganz normalen Steuern/Abgaben. Kein einziger Steuerzahler im Lande, und sei er noch so innig Apostat, kann sich der mittelbaren Kultsteuer entziehen: fünfzehn bis zwanzig Milliarden Mark, schätzt Herrmann, wandern an Nichtkirchensteuermitteln jährlich in die klerikalen Klingelbeutel. Niemand in Europa bezahlt das, nur „die deutsche Seele kann nicht anders“.

Ihr widmet der Autor denn auch folgerichtig ein kleines Unter-Kapitel voller Rätsel. Über all dem schwebt eine glückselige Wolke des Schweigens und Verhüllens – auch das ist folgerichtig, aber Herrmann hat eben doch einiges rausgekriegt. Die Militärseelsorge beider Kirchen zum Beispiel, über die es keinen aussagekräftigen Etat gibt, hat nach Schätzung des evangelischen Militärbischofs Binder 1985 etwa 80 Millionen Mark vom Bundesverteidigungsministerium erhalten. 1988 gingen ans kirchliche Bodenpersonal der Militärseelsorge als Gehälter etwa 42 Millionen Mark, die der beiden Oberhirten im martialischekklesiastischen Bereich lagen jeweils bei 180 000 Mark im Jahr. 418 000 Mark wurden vom Staat für Gebet- und Gesangbücher der Soldaten bezahlt, 167 000 Mark für Kultgeräte, Kerzen und Meßwein.

Das Land Nordrhein-Westfalen zahlt allein der katholischen Kirche für ihre theologischen Fakultäten (der Autor fragt ironisch nach „gewerkschaftlichen“ oder „sozialdemokratischen“ Fakultäten) wegen „ererbter Verpflichtungen“ jährlich 350 Millionen Mark. Der Kirche erläßt es an Steuern weitere 150 Millionen: Die halbe Milliarde stammt aber keineswegs aus Kirchensteuern, sondern aus dem profanen Staatssäckel von Rhein und Ruhr.

Die meisten Kirchenabtrünnigen sagen sich: Sollen die Kirchen doch ihren Stiefel weiter anziehen, immerhin tun sie viel Gutes. Aber selbst dieses salvatorische Argument nimmt uns Herrmann. Denn die zahlreichen kirchlichen Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser und Heime werden weit überwiegend vom Staat finanziert. Dennoch herrscht in ihnen ein antidemokratisches, autoritäres Arbeitsrecht, das den Mitarbeitern die Weltanschauung der Kirchen aufzwingt – vom nach außen gelobten Pluralismus keine Spur. Wie uns überhaupt dieses bemerkenswerte Buch darüber aufklärt, mit welchen gedanklichen Sprüngen besonders die katholische Kirche uns Demokratie und Rechtsstaatlichkeit predigt, ohne sich selbst darum im geringsten zu scheren.

Herrmann kennt seine Kirche; er ist katholischer Priester und dennoch (deshalb?) einer ihrer schärfsten Kritiker. Der heute fünfzigjährige ehemalige Insider, verheirateter Soziologieprofessor in Münster, war vor 1975 Professor für Kirchenrecht in der theologischen Fakultät. Die Bischöfe entzogen ihm die Lehrerlaubnis, weil er die katholische Ehelehre, das autoritäre Lehramt und – damals schon – das allzu enge Verhältnis von Kirche und Staat in der Bundesrepublik intensiv auf die Hörner genommen hatte.

Schade, daß dieses Buch etwas eifernd und verbittert-suggestiv tönt. Zwar trägt der hanebüchene Stoff diese Empörung. Die zahlreichen deprimierenden Fakten und schlüssigen Überlegungen wären aber in kühl-ironischem, souveränem Stil besser aufgehoben. Und könnten, kälter serviert, auch das eine oder andere Mitglied der Gemeinschaft der Heiligen nachdenklich machen. So erleichtert es Herrmann den Prälaten leider, mit einem müden Lächeln abzuwinken. Und das werden sie tun, denn auch die frommen Winkehändchen sind ganz schön vergoldet. Hanno Kühnert