Von Ludwig Hang

Unlängst, in einem Theaterstück des Dichters Johannes Kühn, war ein permanentes Türenschlagen die wichtigste Inszenierungsidee des Regisseurs. Er wollte alle Gedankenstriche im Text akustisch und visuell deuten, also vefiel er auf den Gedanken des Türenschlagens, das dem Zuschauer wie ein Verabreichen von Ohrfeigen vorkam – gibt mengenweise Gedankenstriche im Text. In einer Geschichte von Ursula Krechel heißt es dagegen: „Die Zuschauer halten das unendliche Türenschlagen für eine gelungene Inszenierung“, doch der casus cnaccus ihrer Geschichte hat eine andere Plausibilität als die Inszenierungsmarotte jenes Regisseurs.

In Ursula Krechels Geschichte „Unendliches Türenschlagen“, die ihrem Prosaband „Die Freunde des Wetterleuchtens“ entstammt, eröffnen sich andere Dimensionen: Das Türenschlagen verwandelt sich in ein Geläut von Domglocken, aus Raum wird Zeit, Einleuchtendes wird paradox. Da heißt es: „Wie gemolken, ausgeleiert, hing die Luft herunter, lappig. Die schweren Klöppelschläge hatten sie blau geschlagen, eine Luft, die sich zum Ausruhen in den hintersten Winkel der Stadt verziehen könnte.“ Ich denke dabei an Dalís Bild „Zerrinnende Zeit“; hier ist es nicht die Luft, hier sind es Uhren, die lappig über Steinquader und Baumstrünke hängen: eine surrealistische Ausdeutung paradoxer Erscheinungswelt.

„Die Freunde des Wetterleuchtens“, „Das Aufflammen der Ungewißheit“, „Das Beharrungsvermögen der Träume“: das sind Titel, Halbsätze, Ellipsen von Ursula Krechel; es könnten Bildtitel surrealistischer Malereien sein, auf die auch der Klappentext beziehungsreich anspielt. Doch sind Ursula Krechels Texte überhaupt surrealistisch, ja postmodern? Wovon sprechen sie überhaupt? Und welche Geschichten erzählen sie? Eines springt sogleich und mit nicht mehr abzuweisender Auffälligkeit ins Auge: Jeder Satz ist ein Juwel, spiegelt ein Bild, facettiert eine Wahrnehmung, ritzt die Aufmerksamkeit. Ein fortschreitendes Erzählen stellt sich nicht ein, und doch stimuliert jeder Satz das Weitererzählen. Einmal fragt die Ich-Erzählerin: „Warum erzählst du mir das?“ Die gefragte Person antwortet: „Weil das Erzählen nie aufgehört hat.“

Und doch muß der an realistischer Erzählweise geschulte Leser fürchten, ein ums andere Mal in Strudeln und Untiefen des Erzählflusses verwirbelt zu werden. Ursula Krechels nach dem Prinzip der seriellen Musik komponierter Satzbau ist voller Brüche. Die Sätze sind oft rauh und abrupt aneinandergefügt, weder auf grammatische noch auf semantische Weise aufeinander bezogen, so daß der Kontext befremdlich, ja unlogisch wirkt. Doch gerade dieses Prinzip der Reihung verdeutlicht die Absicht der Autorin und macht den Reiz ihrer Prosa aus. Es kommt ihr nämlich nicht auf stromlinienförmige Erzählkontinuität an, nicht auf eine plausible und spannende Handlung, sondern auf die Hervorkehrung der Wahrnehmungsmomente, der Bewußtseinslagen, der Stimmungsebenen ihrer Personen. Ihr Augenmerk ist auf die Beschaffenheit der menschlichen Natur gerichtet, und wenn der Klappentext den Maler René Magritte nennt, an dessen Bilder die Gestalten und Szenerien von Ursula Krechel erinnern, so ist es wohl am ehesten Magrittes Bild „La condition humaine“ – die menschliche Beschaffenheit. Es zeigt das menschenleere Interieur eines Zimmers mit Blick auf eine Staffelei und die vor dem Fenster liegende Landschaft, wobei das auf der Staffelei stehende Gemälde exakt den Ausschnitt der Landschaft verdeckt, den es abbildet. Ist nun, fragt sich der Betrachter, die Landschaft, die wir sehen, auf die Leinwand im Innern des Raums gemalt, oder ist sie außerhalb des Fensters?

Die irritierende Wechselbeziehung zwischen objektivem Bestand und subjektiver Betrachtung verwischt die Identität von äußerer und innerer Welt und stellt uns vor den Riß, der zwischen Sein und Schein hindurchgeht: Dieser Riß ist auch die Bruchstelle, die sich im diskontinuierlichen Erzählen von Ursula Krechel fortwährend auftut. „Und so sehen wir auch die Welt“, sagt Magritte von seinem Bild, „wir sehen sie als etwas außerhalb von uns Befindliches, obwohl sie nur eine geistige Darstellung dessen ist, was wir in uns erleben.“ Auf die Prosa Ursula Krechels bezogen: Was nimmt der Mensch wahr, so wie er beschaffen ist? Die objektive Realität oder nicht vielmehr ihren trügerischen Schein?

Greifen wir, als Parabel dieser Problematik von der Beschaffenheit der Menschennatur, auch von der Sehnsucht des Menschen, sich ins Weltliche, ins Sinnliche und doch ins Besondere zu verlieren, eine der nacherzählbaren Geschichten heraus. Sie beginnt mit dem Satz: „Oder den Kram hinschmeißen, die Last, die zu schwer geworden ist, abstreifen, federgleich durch die verödeten Straßen fliegen, Traumbilder umarmen.“ Es ist die Geschichte einer Frau, die im Angebot des Konsums, zwischen Schaufensterpuppen, ihre Fassung verliert: Ihre Haut, die sich nach innen stülpt, ist die imaginäre diaphane Haut dieser Magritteschen Leinwand, auf der jene Landschaft abgebildet ist, von der man nicht weiß, ob sie tatsächlich die reale oder eine gemalte Landschaft ist. Ursula Krechels Protagonistin ist irritiert, verstört den Vater, verweigert sich dem Verlobten, flüchtet sich in Nachtphantasien, in Tagträume: die Fremdheit als Nähe, das Nahe als Fremdes.