In Moskau gewinnen die Reformgegner an Boden

Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Dezember

Pardon wurde nicht gegeben. Der Kampf um Moskau, der den konservativen Ex-

Generalstabschef Ogarkow an den Dezember 1941 erinnerte, „dem im Januar die Offensive folgen muß“, schlug auf allen Seiten bittere Wunden.

Nach dem achten Tag des 4. Volksdeputierten-Kongresses erlitt der vom militär-industriellen Komplex vorgeschobene, durch das neue Präsidialsystem aber abgeblockte Ministerpräsident Nikolaj Ryschkow einen Herzinfarkt. Unmittelbar zuvor, am Dienstag abend, hatte der Kongreß Gorbatschow das Recht zugestanden, die künftige Regierung selber zu kontrollieren und einen Vizepräsidenten einzusetzen. Mit schon stockender Stimme prophezeite Ryschkow das Scheitern Gorbatschows trotz der fast absolutistischen Ermächtigungsgesetze. „Mit mir hat der Präsident die personelle Zusammensetzung des künftigen Kabinetts nicht besprochen. Die neue Machtstruktur, die er vorgeschlagen hat, ist zu sperrig und nicht lebensfähig. Seine zusätzlichen Vollmachten werden im Lande nichts ändern.“

Fünf Tage vor Ryschkows Zusammenbruch hatte der Gegenspieler des militär-industriellen Komplexes und Weltreisende des Neuen Denkens, Eduard Schewardnadse, mit der Moskauer Machtzentrale gebrochen. Sein kurzer Auftritt besiegelte einen langen Abschied.