Bonn in der Zwickmühle: Sollte sich die Bundesrepublik dem westlichen Verteidigungspakt anschließen oder auf die Bedenken der Sowjetunion Rücksicht nehmen?

Krieg ist wahrscheinlicher als Frieden! Dies war die Botschaft, die die Welt in der vergangenen Woche aus Brüssel vernahm. Auf seiner sechsten Session beauftragte der Atlantik-Rat – die Außen- und Verteidigungsminister jener zwölf Mächte, die 1949 den Nordatlantikpakt unterzeichneten – General Dwight D. Eisenhower, den Sieger und Führer des „Kreuzzuges in Europa“, mit der Schaffung einer „schlagkräftigen, einheitlichen Streitmacht“ aus „nationalen Einheiten“. Militärische Beobachter in Washington rechnen damit, daß bis 1953 etwa 60 Divisionen unter seinem Oberkommando aufgestellt sein könnten. Ferner wurde die Bildung eines „Amtes für Rüstungsproduktion“ gebilligt, das die nationalen Produktionen beschleunigen, vergrößern und koordinieren soll. Und endlich erzielte der Rat „auch eine völlige Einigung über die Rolle, die Deutschland bei einer gemeinsamen Verteidigung übernehmen könnte“.

„Was wir bisher taten, war zu wenig, und dieses Wenige taten wir zu langsam.“ So sprach Amerikas Außenminister Acheson auf der Eröffnungssitzung in Brüssel. Und der Heeresminister der USA, Frank Pace, fügte hinzu, man sei noch weit davon entfernt, einem kommunistischen Angriff in Westeuropa entgegentreten zu können. Dies alles soll nun anders werden, anders durch jene Beschlüsse, die, wie es in dem Schlußkommuniqué heißt, „einzig den Zweck haben, den Frieden zu erhalten und zu festigen ... ohne in irgendeiner Weise den rein defensiven Charakter der Atlantikpaktorganisation zu verändern“.“

Stärke und nichts als Stärke könne allein den Frieden sichern – dies jedenfalls war das Motto, unter dem die Konferenz zu Brüssel angesichts der unverhüllten sowjetischen Drohung begann und beendet wurde.

Was nun sind die Folgen der neuen Beschlüsse des Atlantik-Rates? Zunächst einmal wird durch die Ernennung Eisenhowers die sogenannte West-Union in aller Stille einen nicht sehr rühmlichen Tod sterben. Das ist kein allzu großes Unglück. Denn in dieser 1948 ins Leben gerufenen westeuropäischen Verteidigungsorganisation – bestehend aus Großbritannien, Frankreich und den Benelux-Staaten – stritten sich seit Anbeginn englische und französische Generäle, an ihrer Spitze Montgomery und de Lattre de Tassigny, um die Führerschaft. In diesem Gremium ist nie eine andere europäische Verteidigungslinie als die des Rheins erwogen worden.

Eine nicht weniger unmittelbare, aber ungleich gewichtigere Auswirkung wird der Beschluß des Atlantik-Rates über den deutschen Verteidigungsbeitrag haben. Man hat in Brüssel keineswegs, wie vielfach in Deutschland behauptet wurde, festgestellt, daß es ohne die Bundesrepublik nicht gehe. Man hat vielmehr Vorschläge ausgearbeitet, auf Grund derer die Regierungen von Großbritannien, Frankreich und Amerika durch ihre Hohen Kommissare mit der Bundesregierung verhandeln sollen.

Die Atlantikpaktstaaten sind bereit, deutsche Einheiten in Stärke von etwa 8000 Mann in ihre Armee aufzunehmen und außerdem der Bundesrepublik in geringerem Umfange Flugzeuge und Panzer zuzubilligen. Die Verhandlungen werden im Januar beginnen. Je enger Bundeskanzler Dr. Adenauer die Bundesrepublik militärisch und politisch an das Sicherheitssystem des Atlantikpaktes anschließen wird, desto größer wird zugleich das politische und militärische Risiko für Westdeutschland werden.