Familienplanung hat nur eine Chance, wenn sich Einfluß und soziale Lage der Frauen verbessern

Von Michael Sontheimer

Shirin senkt verschämt den Blick und nimmt einen Zipfel ihres Saris in den Mund, um wenigstens einen Teil ihres Gesichtes zu verdecken. „Vor sieben Jahren, nachdem ich zwei Kinder geboren hatte, habe ich mich sterilisieren lassen“, sagt sie mit leiser Stimme. „Der Sozialarbeiter für Familienplanung hat mich dazu überredet.“ Er habe ihr aber nicht gesagt, daß es auch andere Verhütungsmethoden gebe, beklagt sie sich. „Ich würde heute lieber die Pille nehmen.“ Für eine Frau in einem moslemischen Land ist es ungeheuerlich, mit einem fremden Mann über solche Intimitäten zu sprechen.

Shirin lehnt an der kahlen Lehmwand ihres Hauses in Bhuyam, einem Dorf rund fünfzig Kilometer östlich von Dhaka, der Hauptstadt der Volksrepublik Bangladesch. Mit 13 Jahren wurde sie von ihren Eltern verheiratet, heute ist sie 23. „Als ich mich sterilisieren ließ“, berichtet Shirin, „konnten mein Mann und ich uns keine anderen Kinder leisten. Jetzt hätten wir das Geld dafür. Für den Staat war die Sterilisierung gut, für mich nicht.“

Herr Chowdhuri hingegen findet, daß Shirin ein leuchtendes Vorbild für die Nation ist. In seinem mit Statistikbögen tapezierten Büro in Dhaka sitzt der Bangladeschi einer Behörde vor, die präzise Daten über die Fortschritte bei der Familienplanung im Lande erheben soll. Shirin zählt zu den 37 Prozent aller Ehepaare, die verhüten. Sie hat das staatlich propagierte Ziel der Zwei-Kinder-Familie bereits erreicht, während die Frauen im Armenhaus Südasiens noch durchschnittlich fünf Kinder gebären.

„1986 wurde das Bevölkerungswachstum zum nationalen Problem Nummer eins erklärt“, berichtet der Chef-Statistiker Chowdhuri. Vor einem Jahr sei zudem ein „Nationaler Rat für Bevölkerungskontrolle“ gegründet worden, dessen vierhundert Repräsentanten – Prominente aus allen gesellschaftlichen Gruppen – für die Familienplanung werben.

In Bangladesch, das etwa doppelt so groß ist wie Bayern, leben mittlerweile mehr als 115 Millionen Menschen. Während sich in der alten Bundesrepublik durchschnittlich 249 Menschen einen Quadratkilometer teilen, sind es in Bangladesch mehr als 800. Das Land ist völlig von Lebensmittelexporten und Entwicklungshilfe abhängig, und die Bevölkerung wächst weiterhin jährlich um rund zweieinhalb Prozent. Die Bevölkerungs-Organisation der Vereinten Nationen, der United Nations Fund for Population Activities (UNFPA), rechnet für das Jahr 2000 mit 145 Millionen Bangladeschi. Im nächsten Jahrhundert könnten es sogar mehr als 250 Millionen werden.