/ Von Hans-Christoph Blumenberg

Wie wir einen angenehmen Gegenstand, der vor uns flieht, gerne verfolgen, so sehen wir das Blaue gern an, nicht weil es auf uns dringt, sondern weil es uns nach sich zieht.“

Goethe, „Farbenlehre“

Herr S. leidet an der Häßlichkeit der Welt. Mischt er sich mal unter das gemeine Volk, kann er sich „nur mit Grausen abwenden. Nehmen Sie nur das Straßenbild in München... Da zeigt sich unsere erschreckende Einfallslosigkeit, ja Brutalität in der Kleidung... Es ist eine Unverschämtheit, sich anderen Menschen so zuzumuten. Und dieser gräßliche Einheitsstil! Es macht überhaupt keinen Spaß mehr, sich zu begegnen.“ Herr S. – einsam sind die Tapferen – begegnet am liebsten sich selbst, nicht selten in einer „herrlichen Rauhlederjacke, geschenkt von einem Freund, der die Gemse vor dreißig Jahren geschossen hat“. Ist Herr S. also wieder mal seiner Zeit voraus? „Wenn man so will... Fast ist es lächerlich, davon zu sprechen, so selbstverständlich ist heute die Kombination von Trachten und Jeans. Aber das war meine Idee, bevor der erste daran dachte, so etwas zu tragen.“

Jeans? Meint das der große Mann im Ernst? „Die Jeans ist die Lederhose Amerikas, eine Art modisches Grundnahrungsmittel, hat mit Arbeitskleidung und Uniform zu tun und guter Geländegängigkeit.“ Schon drängt sich eine bange Frage auf: „Können wir daraus schließen, daß Sie auch Jeans tragen?“ – „Nein, nicht mehr. Ich hatte mal welche, die waren aber khakifarben.“

Wo hatte er sie her? Von einem Wagner-Enkel? Was ist aus ihnen geworden? Befinden sie sich jetzt im Kleiderschrank von Edith Clever? Sollte gar der geniale Dämon A. H. vom Obersalzberg ein heimlicher Freund der Nietenhose gewesen sein? Was weiß Hans Jürgen Syberberg? Und warum gewährt der edelste aller Deutschen ausgerechnet einem so obskuren Blättchen wie der Männer Vogue eine Audienz (Dezember 1990)? Mit etwas Glück werden wir all das nie erfahren.

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