Von Haug von Kuenheim

Es war im Winter 1962, als ich Günter Matthes zum ersten Mal begegnete. Er war schon damals, 42 Jahre alt, ein vielbeachteter und geachteter Mann, Lokalchef des liberalen Berliner Tagesspiegel, und ich war sein Volontär, der bei ihm das journalistische Handwerk lernen sollte. Eine gewisse Scheu führt mir heute die Feder, wenn ich ihm, der zu Silvester siebzig Jahre alt wird und seinen Schreibtisch in der Potsdamer Straße räumt, ein paar Zeilen widme.

Wie wenig hat er sich doch verändert. Er wirkt noch genauso drahtig wie damals. Seine blauen Augen blicken offen und fröhlich drein, aber da ist auch immer noch die Distanz, die seine Verbindlichkeit in eine kühle wandelt.

Und wie wenig entspricht er immer noch dem Klischee, das sich gemeinhin viele von einem Journalisten machen: laut, vorlaut, besserwisserisch, indiskret, aufdringlich. Scheu ist er, ja richtig scheu – er möchte partout nicht auffallen und tut es auch nicht. Wo sich alle drängen, wird man ihn vergebens suchen. Pressekonferenzen sind nicht sein Feld, nicht Empfänge, Vernissagen oder Premieren. Dazuzugehören, wer oder was „in“ ist, schert ihn den Teufel. Duzbrüderschaften oder selbst Freundschaften mit denen, die in Berlin das Sagen haben, sind seine Sache nicht. Er kennt die Macher, spricht mit ihnen, am liebsten unter vier Augen – das reicht. Dort sie, hier er.

„Die Nähe“, schrieb der Berliner Journalist Jürgen Engert über Günter Matthes, „verzerrt die Proportionen, die Ferne läßt sie deutlich hervortreten. Die Mächtigen interessieren ihn nicht. Ihnen auf die Finger zu sehen, das ist allein wichtig.“

Seine Unabhängigkeit treibt Günter Matthes so weit, jedes Ehrenamt abzulehnen, Beiräten nicht beizutreten. Der Streit, ob er nun ein Liberaler oder Konservativer sei, ist müßig. Günter Matthes hat dort Platz genommen, wo seinesgleichen halt am liebsten sitzen: zwischen den Stühlen.

Der Lokalchef einer Zeitung, so will es die Aufgabe, muß in seiner Stadt zu Hause sein; er muß wissen, wie sie riecht, atmet, fühlt, wie sie tickt. Lokalchef in Berlin – man muß kein geborener Berliner sein (die urwüchsigsten kommen ja sowieso aus Breslau), dazu reicht es, wenn man sich zu dieser Stadt bekennt. Ein Sachse aus Leipzig ist Günter Matthes (sein Idiom hat er sich abgeschliffen), aber nach Berlin zog es ihn schon als Schüler. Vor acht Jahren notierte er in seiner täglich erscheinenden Kolumne „Am Rande bemerkt“, daß er nicht zufällig Berliner sei. Er schrieb: „... Berlin, bleibst doch immer unverwechselbar trotz aller Wechselfälle des Schicksals, erlaubst eigentlich nicht das, was man Lokalpatriotismus nennt... Dazu ist Berlin zu sehr Nudelbrett der Geschichte, jagt dem einen Schrecken ein, während der andere das Idyll im Waldwinkel pflegt und manch anderen Kiez nur vom Hörensagen kennt... Auch mancher, der gegen Raketen demonstriert, hat die Luftbrücke keineswegs vergessen. Das erinnert an die Herausforderung, die diese Stadt, dieses höchst unbequeme Gemeinwesen ist. Hierher wird man nicht verschlagen, sondern will hier sein. Wer nicht will – bitte sehr. ... Also, was mich betrifft, ich bin nicht zufällig Berliner.“