Von Vernon Walters

BONN. – Die Annexion des souveränen Staates Kuwait durch den Irak liegt bereits mehr als vier Monate zurück. Seitdem hat sich Kuwait, ein einst friedliches, blühendes und sicheres Land, in einen Ort der Zerstörung und Verwüstung verwandelt. Täglich werden kuwaitische Kinder, Frauen und Männer auf menschenverachtende Weise terrorisiert und ermordet.

Der Einfall Iraks in Kuwait ist ein eindeutiger Akt der Aggression. Zudem lassen der von Saddam Hussein ehrgeizig forcierte Aufbau einer der größten Armeen der Welt und die Produktion von Massenvernichtungswaffen vermuten, daß Kuwait nicht das letzte Eroberungsziel auf seiner Liste ist. Der eigentliche Grund für die enormen diplomatischen und militärischen Bemühungen der internationalen Staatengemeinschaft liegt deshalb darin, Aggressionen dieser Art endlich Einhalt zu gebieten. Die Welt hat die bittere Lektion verstanden, die ihr durch die Geschichte dieses Jahrhunderts erteilt wurde. Saddam Hussein ist nicht Hitler. Aber bei der Antwort auf die irakische Aggression sollte man sich doch vor Augen halten, daß Deutschland die Leiden und die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges erspart geblieben wären, wenn Hitler frühzeitig Einhalt geboten worden wäre. Bis heute hat sich Saddam Hussein geweigert, die Forderungen des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen zu erfüllen. Aber die internationale Staatengemeinschaft einschließlich der Vereinigten Staaten faßt sich weiterhin in Geduld. Es ist das Ziel aller, eine friedliche Lösung des Konflikts zu erreichen.

Nach vierzig Jahren voller Opfer, die wir Amerikaner erbracht haben, um zur Beendigung des Kalten Krieges beizutragen, hätte kein Land eine Atempause in den internationalen Spannungen mehr begrüßt als die Vereinigten Staaten. Von 1981 bis 1991 hat das amerikanische Volk durchschnittlich 280,5 Milliarden Dollar pro Jahr für die Verteidigung aufgebracht, errechnet in konstanten Preisen des Jahres 1990; daraus ergibt sich für diesen Zeitraum ein Gesamtbetrag von 3086 Milliarden Dollar.

Nur im Märchen ist den Menschen ein Leben im Glück vergönnt, ohne daß sie dafür Opfer zu bringen haben – die Geschichte verläuft leider anders. Um eine glückliche Zukunft zu haben, müssen wir unseren internationalen Verpflichtungen entschlossen nachkommen und unseren Prinzipien ohne Rücksicht auf finanzielle Kosten treu bleiben. Es gibt auch gute Gründe, weshalb wir jetzt nicht unbeschränkt zuwarten können:

  • Saddam Hussein ist ein gefährlicher Diktator; er verfügt über chemische und biologische Waffen und hat sie sogar gegen sein eigenes Volk eingesetzt.
  • Die Auswirkungen der Golfkrise sind nicht auf die unmittelbare Region beschränkt. Die Volkswirtschaften der Nachbarstaaten wie der Türkei, Jordaniens und Ägyptens werden durch das Handelsembargo und die Auswirkungen anderer Sanktionen stark beeinträchtigt.
  • Die labile volkswirtschaftliche Basis der jungen Demokratien in Osteuropa und insbesondere vieler Länder in der Dritten Welt wird zunehmend Schaden nehmen, wenn die Golfkrise weiterhin ungelöst bleibt.
  • Schließlich sollten jene, die ein Jahr oder mehr abwarten wollen, um die Sanktionen voll wirksam werden zu lassen, nicht vergessen, daß Irak ein ehrgeiziges Programm zur Entwicklung von Atomwaffen hat.

Wenn Saddam sich für Frieden entscheidet – indem er sich aus Kuwait zurückzieht und die Forderungen der Resolutionen des Sicherheitsrates vollständig erfüllt –, dann deshalb, weil er die Stärke der gegen ihn gerichteten internationalen Koalition und ihre Entschlossenheit anerkennt, nötigenfalls Gewalt anzuwenden.