Die skurrile Geschichte eines Mietverhältnisses

Von Susanne Mayer

Es war abzusehen, daß der 31. Dezember dieses Jahres ein ganz besonderes Datum werden würde. Es steht ja – schwarz auf weiß, wie man so sagt – im Mietvertrag: „Das Mietverhältnis beginnt am 1. Dezember 1975 und ist bis zum 31. Dezember 1990 fest abgeschlossen“, heißt es dort. Offen blieb: Was wird danach?

Das Haus steht im Hamburger Stadtteil Eppendorf. Den schönsten, weil schrägsten Blick darauf hat man aus der U-Bahn: Wer, kurz nachdem der Zug die Haltestelle Klosterstern hinter sich gelassen hat und aus dem Tunnel auf den Bahndamm hinauf rast, den Kopf nach links wendet, sieht, wie das Haus, alle fünf Stockwerke hoch, die gewölbten Erker, die gebogenen Fensterfronten, die grünschimmernden Dachabdeckungen, wie das alles, quasi mit einem Ruck, hinter den Gleisen hochgezogen wird. Immer noch da, scheint es sagen zu wollen.

Es gibt natürlich auch gemächlichere Annäherungsweisen. So kann man, dem Einkaufsrummel des Eppendorfer Baums entkommen, die stille Hegestraße runterschlendern, vielleicht im „Petit Café“ ein Stück des oft noch warmen Obstplattenkuchens zu sich nehmen und schließlich, an der jetzt im Winter etwas unansehnlichen Hecke angelangt, den Kopf in den Nacken legen und hochschauen. Weißes Mauerwerk, von schlanken Säulen gestemmte Balkone. Und dann das Banner: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Wohnung!“ heißt es da in giftigem Rot.

Eindrucksvoll auch der Weg von vorne, vom schönen Loersweg und seinen herrschaftlichen Häusern her geradewegs auf die Kreuzung Haynstraße/Hegestraße zu, wo genau an der Ecke zwei mächtige gemauerte Pfeiler den Weg zum Portal markieren. Ein Weg? Eine Auffahrt, meterbreit. Zwei massige Säulen rechts und links von der Tür. Darüber ein riesiges Gebiß. Zwischen den Zähnen ist eine Zigarre eingeklemmt. Unverschämter Blick, der Ganovenhut im Nacken und eine Faust, die ein Bündel Geldscheine umklammert. „Wir müssen draußen bleiben!“ verkünden hämisch schwarze, fette Lettern unter der Karikatur des Spekulanten, die auf einem Laken über die Fassade gespannt ist. Und darüber steht, in gemeinem Gelb: „Eigenbedarf! Aber für Mieter!“

Das Haus an der Ecke Haynstraße/Hegestraße ist eine Hochburg des Hamburger Mieterkampfes. Seit zwanzig Jahren wehren sich die Leute, die dort wohnen, gegen einen Rausschmiß – mit Hilfe von Spruchbändern, Flugblättern und Broschüren, mit Demonstrationen und in Prozessen, nicht zuletzt mit der hauseigenen Kapelle „Tuten und Blasen“, die schon mal frühmorgens vor der Wohnung eines Eigentümers aufspielt. Das Haus ist eine Legende. Für manche Hamburger – Wohnungseigentümer, Makler, Rechtsanwälte – ist es ein Alptraum. Zur Zeit ist das Haus ein Streitfall vor Gericht. „Wohnungseigentümer Haynstr. geg. Ges. bürgerl. Rechts 37 a C 1196/90“ stand an einer Tür im Hamburger Amtsgericht, hinter der in diesen Tagen sein Schicksal verhandelt wurde. Drei Sachen lagen an: erstens eine Kündigung für alle Mieter, zweitens eine Klage auf Feststellung des Mietvertragsendes am 31. 12. 1990, drittens eine fristlose Kündigung wegen Zerrüttung des Vertrauensverhältnisses zwischen Mieter und Vermieter sowie ein hilfsweise vorgebrachter Antrag auf sofortige Räumung. Keine schönen Aussichten also für Silvester 1990.