Darauf freuen wir uns jedes Jahr, auf den „Deutschen Gedichte Kalender“ mit den großen, farbigen Blättern und den Versen drauf. Auch jetzt wieder liegt der Kalender vor uns – schönes Zeugnis für die handwerkliche Qualität, mit der bei Kristof Wachinger im Verlag Langewiesche-Brandt in Ebenhausen bei München noch immer Bücher gemacht werden. Wo wird noch so auf Papier-Qualität geachtet, darüber nachgedacht, welche Schrift-Type zu welchem Autor, zu welchem Gedicht und der Entstehungszeit paßt und dann über die Farbe entschieden, auf der eine Elegie, ein Volkslied, ein Liebesgedicht zu uns sprechen soll, einen Monat lang.

Doch wie wir den Kalender für 1991 an die Wand hängen wollen, fällt ein weißes Blatt heraus mit wunderbar genauen „Werkstatt-Notizen“ – und der traurigen Nachricht, „der Kalender erscheint hiermit zum letzten Mal. Das Handwerksverfahren Galvanoplastik ist mangels Nachfrage und Nachwuchs ausgestorben. Mittels dieses Verfahrens hatten wir vom Bleisatz Abformungen für den Druck machen lassen, so daß die Lettern selbst geschont blieben.“

Jetzt sind die Lettern in Gefahr, für neue Bleibuchstaben reicht der „winzige Gewinn“ nicht aus, teurer darf der Kalender für einen kleinen Kreis von Freunden der Lyrik nicht werden. Also, wieder einmal ade, du schöne Kunst... Der letzte Kalender dieser Art, dreizehn farbige Blätter der Papiersorte Fabriano Ingres von Drissler, mit Gedichten von Walther von der Vogelweide bis Sarah Kirsch kostet dreißig Mark.

R. M.