Als im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts die riesige Festung Ingolstadt endlich vollendet wurde, mußte man feststellen, daß dieses Wunderwerk der bayerischen Landesverteidigung durch die neuen Militärtechniken nutzlos geworden war. Doch bald fand sich für das über der Donau gelegene Bollwerk geeignete Verwendung. Im Deutsch Französischen Krieg von 187071 nahm sie Kriegsgefangene in Gewahrsam. Allerdings haperte es von Anfang an mit der Sicherheit. Das wiederum hing mit der Eigenart der Gefangenschaft zusammen. Damals war es noch üblich, gegnerische Offiziere mit den Worten zu arretieren: "Ich habe die Ehre, Sie gefangenzunehmen, Herr Kamerad Die "Herren Kameraden" genossen selbstverständlich Vergünstigungen. Sie logierten in den vornehmen Ingolstädter Hotels, beköstigten sich in den besten Gasthäusern. Die Unteroffiziere samt Mannschaften bewohnten den Festungsbau. Das war schon deshalb weniger behaglich, weil sie auf bayerische Kost angewiesen blieben, die ihnen verständlicherweise nicht schmeckte.

Nach diesem eher burlesken Rückblick ins 19. Jahrhundert schildert Gerd Treffer jene Vorfälle aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, die das Lager Ingolstadt als "sicheres Ausbruchslager" berühmt machen sollten.

Im ersten Kriegsjahr 1914 geschah noch nichts Außergewöhnliches. Die spanische Botschaft in Berlin, welche die diplomatischen Interessen Frankreichs vertrat und sich infolgedessen um die französischen Kriegsgefangenen zu kümmern hatte, sah sich zu der Feststellung veranlaßt, daß Ingolstadt ein akzeptables Gefangenenlager sei. Im zweiten Kriegsjahr irritierte es die Botschaft, daß zahlreiche Inhaftierte in oft halsbrecherischer Weise versuchten, der Gefangenschaft zu entfliehen, statt - bewährter Gepflogenheit entsprechend - in Ruhe das Kriegsende abzuwarten. Was war geschehen?

Die meisten der jungen französischen Offiziere, intelligente, patriotische Hitzköpfe, stammten aus vornehmen Familien, gehörten zur Jeneusse doree. Es war ihnen geradezu zur sportlichen Betätigung geworden, ihre biederen Bewacher zu verunsichern, indem sie die spanische Botschaft mit hanebüchenen Beschwerden überschütteten. Die Ingolstädter fürchteten nichts so sehr wie diese Beschwerden. So drückten sie manches Auge zu, womit der Fluchtbegünstigung Tür und Tor geöffnet war.

Beim Morgenappell am 16. Juni 1916 fehlten 35 französische und vier russische Offiziere. Zwar konnte man der Ausreißer bald wieder habhaft werden, doch ein solcher Skandal sollte künftig vermieden werden. So beschloß man, für geflüchtete und erneut festgenommene Offiziere im Fort IX ein "Repressalienlager" mit stärkster Bewachung einzurichten. Die französische Regierung und die spanischen Diplomaten protestierten. Der französische Journalist Remy Roure hingegen stellte richtig: "In Wirklichkeit war es (Fort IX) der fröhlichste Ort, soweit ein Gefängnis fröhlich sein kann Die Mehrzahl der Offiziere - alles Wiederholungstäter in Sachen Ausbruch - legten ihre Erfahrungen zusammen. Sie verglichen die Karten, die sie gezeichnet hatten, untereinander, halfen sich gegenseitig, wo immer es ging " Fort IX entwickelte sich so zur Kaderschule der Ausbrecher. Von den Insassen wurden der damalige Hauptmann Charles de Gaulle und der zaristische Unterleutnant Michail Tuchatschewski, der spätere "Rote Marschall", berühmt.

De Gaulle verstand es meisterhaft, mittels Tarnsprache in seinen Briefen die Verwandtschaft in Frankreich zu veranlassen, ihm zivile Kleidungsstücke und in Lebensmitteln verborgene Werkzeuge zu schicken. Brillant schildert Gerd Treffer die einzelnen Ausbruchsunternehmungen. Sie zeitigten späte Folgen. Im Oktober 1925 wurde im Parlament zu Paris der Antrag eingebracht, eine militärische Auszeichnung, das "Kreuz der Ausbrecher", zu schaffen.

Der Abgeordnete Marcel Plaisant lieferte die Begründung: "Um aus dem Kerker zu entkommen, werden alle Mittel ins Werk gesetzt: Mauern durchbrochen, unterirdische Tunnel metertief unter den Kasematten gegraben, Gitter durchsägt und durch aus Karton nachgebaute ersetzt - Stacheldraht mit windigen Mitteln durchschnitten, eiskalte Wassergräben in stillem Tauchen unter dem Kreuzfeuer der Wachen durchquert; es gab den Sprung von hohen Mauern, unzählige Verstecke an den unerwartetsten Orten, im Totenwagen oder im Biskuittransport. Laufen, Kämpfen, Klettern. Der Ausbruch allein genügt nicht; es bedarf der Willenskraft, die Grenze zu erreichen, sie