Plädoyer für eine adäquatere Darstellung von Gefahren in den Medien

Von Thomas von Randow

Wir alle haben schon einmal gehört oder gelesen, daß in der alten Bundesrepublik Jahr für Jahr 75 000 Menschen an den Folgen des Zigarettenrauchens sterben Das ist einer von 813 Mitbürgern, achtmal mehr als dem Straßenverkehr zum Opfer fallen Aber es bewegt uns nicht sonderlich Hingegen treibt viele Mitmenschen die Angst vor Aids um, wiewohl die Wahrscheinlichkeit, sich damit zu infizieren, funfhundertfach geringer ist, nicht einmal so groß wie das Risiko, vom Blitz erschlagen zu werden Daß uns der Blitz trifft, ist wiederum viermal wahrscheinlicher, als sechs Richtige im Lotto zu tippen – trotzdem beteiligen sich am Zahlenlotto jede Woche viele Millionen Bundesbürger, die dafür im Jahr immerhin sechs Milliarden Mark ausgeben

Warum sind wir so unvernünftig Weil unser Gefühl für Wahrscheinlichkeit und Risiko unterentwickelt ist Und wer ist schuld daran? Wir, die Journalisten, die so gerne ihre Berichte mit Zahlen untermauern, deren Herkunft oft fragwürdig ist Selbst wenn solche Zahlen aus einer wissenschaftlichen Veröffentlichung stammen, sollten wir skeptisch sein Denn häufig werden sie im Original mit allerlei Einschränkungen versehen, die der Berichterstatter aber fortlaßt, sei es, weil sie den Artikel zu kompliziert machen oder der Geschichte die Sensation rauben wurden

Gewiß, wir müssen terrible simplificateurs sein, weil wir bei unseren Lesern, Zuhörern oder Zuschauern nicht das Wissen voraussetzen dürfen, das notwendig wäre, um einen schwierigen Sachverhalt in allen Einzelheiten zu verstehen Aber wir simplifizieren auch dort, wo es gar nicht notwendig wäre, zuweilen geschieht dies – horribile dictu – nur deshalb, weil sich die volle Wahrheit nicht mit der eigenen Ideologie vertragt

Den allergrößten Schaden am öffentlichen Risikobewußtsein richten unsere Medien mit der Auswahl der Themen an, über die sie berichten Früher hieß es in den Redaktionsstuben, ein Artikel solle „einen Hund unterm Ofen vorlocken“ können, heute müssen sie „den Leser, Hörer oder Zuschauer vom Hocker reißen“ Es zahlt sich aus, ihm eine Gansehaut über den Rucken zu jagen Auf allen TV-Hitlisten stehen die Krimis und Horrorfilme obenan, und Copytests verraten dem Zeitungsmacher, welches der beliebteste Lesestoff ist „Tanklastwagen rast in ein Mietshaus – sieben Tote“, „Siedlung auf Giftmülldeponie gebaut – zwölf Hauser müssen abgerissen werden“, „Flugzeug stürzt auf Kinderspielplatz“

Bei all dem fragwürdigen Vergnügen am Gruseln befallt den Leser zugleich die Sorge „Das mag auch mir widerfahren“, und damit lassen wir ihn allein Wir verraten ihm nicht, daß die Eintrittswahrscheinlichkeiten für diese schrecklichen Ereignisse unvorstellbar gering sind