Von Günter Metken

Wie eitel ist die Malerei, wo man die Ähnlichkeit mit Dingen bewundert, die man im Original keineswegs bewundert!

Blaise Pascal, Pensées

Wenn das Schicksal die allen gemeinsamen Güter schlecht verteilt und diese Menschen jenen unterwirft, wo doch alle gleichberechtigt geboren sind, so stellt der Tod die Gleichheit wieder her.

Seneca, Consolatio ad Marciam

Kürzlich wurde das einstöckige Postamt in Paris abgerissen, um einem höheren Gebäude Platz zu machen. Doch der Neubau geriet bald ins Stocken. Beim Ausschachten gelangten Reste der alten Stadtmauer zum Vorschein, die hier, vom Hügel des Pantheons kommend, zur Seine vorstieß: Hinfälligkeit unserer irdischen Wohnungen. Eine Mahnung, die neuerdings durch riesige Plakate unterstrichen wird. Vom Bauzaun blickt hoch und irgendwie ironisch eine fast surreale Montage auf den Strom der Autos und Passanten herab. Auf hölzerner Tischplatte liegt da als makabrer Tafelaufsatz ein braun patinierter Totenschädel mit ein paar helleren Zähnen im Kiefer, halb anatomisches Modell und halb plastisches Objekt, wie man dergleichen in Sammlerschränke stellte, zu anderen Kuriositäten der Wunderkammer: Versteinerungen, Nautilusmuscheln oder gar einem Straußenei, in Elfenbein gefaßt. Die Baustelle der Post dient der Annoncierung einer Ausstellung über Tand und Tod.

Der Schädel. 1602 wird in London „The Tragicall Historie of Hamlet, Prince of Denmarke“ von William Shakespeare aufgeführt. Der Dänenprinz, ein exzentrischer, am intriganten Hof isolierter Student aus Wittenberg, reflektiert ausschweifend über den Tod als Zentralproblem der Existenz. Wir betreten das Gebiet der Vanitas und ihrer künstlerischen Erscheinungsformen, wenn der Totengräber zu Beginn des fünften Aktes die Grube für die tote Ophelia aushebt und den Schädel des Spaßmachers Yorick zutage fördert. Hamlet nimmt ihn in die Hand, versenkt sich in den Anblick des Totenkopfes und spricht sein berühmtes Memento mori für den Freund aus Kindertagen.